THOMAS PIKETTY Kapital und Ideologie

Wir versuchen aus dem über 1200-seitigen zweiten Werk Pikettys „Kapital und Ideologie“ (2019) einige der zentralen Aussagen wiederzugeben, ohne jedoch den Anspruch auf eine Zusammenfassung zu erheben. Unser Ansinnen wurde erst möglich, nachdem wir die Kurzfassung von Walden Bello, Reading Piketty, a concise and comprehensive summary of Capital and Ideology, 2021, zur Hand hatten.

Wirtschaftliche und soziale Ungleichheit ist nicht natürlich

In seinem ersten weltweit bekannten Werk, „Kapital im 21. Jahrhundert“ (2013), präsentierte der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty die Ergebnisse einer umfangreichen wirtschaftshistorischen Forschungsarbeit. Er untersuchte dabei die These, wonach sich die ungleiche Vermögensverteilung bzw. soziale Ungleichheit aus der Tatsache ergebe, dass der (jährliche) Vermögenszuwachs grösser ist als das (jährliche) Wirtschaftswachstum. Während sich die Verteilungsschere seit den 1980er Jahren bis heute dauernd weiter öffnet und zu massiver sozialer Ungleichheit führt, wirkten sich Kriegs- und Krisenzeiten eher dämpfend aus. Weil Länder wie die USA, Frankreich und Grossbritannien nach den Weltkriegen mit hohen und progressiven Steuern den Wiederaufbau finanzieren wollten, verringerten sich die Ungleichheiten in dieser Periode erheblich. Die aktuelle Dynamik findet ihre Ursachen, so Piketty, in stark reduzierten Steuern inkl. der weitverbreiteten Abschaffung der Erbschaftssteuern.

In seinem zweiten Werk, „Kapital und Ideologie“ (2019) präsentiert Piketty die Geschichte von Ungleichheit, von den Stände-, Sklaven- und Kolonialgesellschaften bis zu den heutigen hyperkapitalistischen, postkolonialen modernen Gesellschaften. Alle menschlichen Gesellschaften, so seine These, begründen und rechtfertigen ihre Ungleichheiten politisch resp. ideologisch. Sie entwickeln Geschichten darüber, wie sie die Beziehungen zwischen den Gesellschaftsgruppen organisieren, und wie sie damit eine «gerechte Ungleichheit» rechtfertigen. Aus dieser Analyse entwickelt Piketty das Gesellschaftsmodell eines «partizipativen Sozialismus».

Im Werk „Kapital und Ideologie“ setzt Piketty die statistischen und theoretischen Studien zu den verschiedenen Ausprägungen von wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheit in westlichen Gesellschaften fort. In den Analysen zu Ungleichheitsverhältnissen – er spricht von «Ungleichheitsregimen» – schliesst er neben osteuropäischen und russischen Gesellschaften auch Länder des globalen Südens ein, nämlich Indien, China, Haiti, Algerien und Iran. Dabei untersucht er, wie Ideologien, welche Ungleichheit rechtfertigen oder in Frage stellen, Bedingungen zur Transformation derartiger Regimes liefern, und er skizziert Elemente eines Programms eines «partizipativen Sozialismus» als eine Alternative zum herrschenden «Hyperkapitalismus» bzw. «Neo-Proprietarismus», wie er sich ausdrückt.

Veränderungen in westlichen Ländern während des 20. Jahrhunderts

Seit den 1980er Jahren nimmt die Ungleichheit in Europa und den USA ungebrochen und stark zu. In den USA verdienten das einkommensstärksten ein Prozent der Bevölkerung 1980 im Durchschnitt 25-mal mehr als der Durchschnitt der einkommensschwächeren Bevölkerungshälfte. 2015 verdienten die Reichsten 80-mal mehr. Der Einkommensanteil der unteren Bevölkerungshälfte verharrt – und dies bereits seit den 1960er Jahren – auf demselben Niveau.

Zwischen 1914, dem Beginn des ersten Weltkriegs, und 1980 wurden die Vermögen in bedeutendem Masse umverteilt, dies wegen progressiver Einkommens- und Erbschaftssteuern und fortschrittlicher Bildungspolitiken. Das war ein Ergebnis «sozialdemokratischer Gesellschaften», die den Sozialstaat über Steuern finanzierten, ohne jedoch zu Verstaatlichungen zu greifen. Sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten kann die Verringerung der Ungleichheit im Zeitraum 1914-1970 mit rechtlichen, sozial- und steuerpolitischen Veränderungen erklärt werden. Von der Entwicklung profitierten vorwiegend die Menschen in mittleren Einkommensklassen, die auch über regelmässige Einkommen verfügten. Der Anteil der ärmeren Hälfte der Bevölkerung veränderte sich wie erwähnt kaum. Die mittleren 40 Prozent der Bevölkerung, die Mittelklasse, konnte ihren Anteil am Reichtum auf rund 40 Prozent steigern. Während dieser Periode erreichten die Einkommens- und Erbschaftssteuern in den USA und in Grossbritannien Maximalraten von bis zu 75 Prozent. In Deutschland, Schweden, Dänemark und Norwegen trugen auch die stark ausgebauten Mitwirkungsrechte der Mitarbeitenden am Arbeitsplatz zu einem hohen Lebensstandard, hoher Produktivität und vergleichsweise moderater Ungleichheit bei.

Das Versagen des marxistisch-leninistisch geprägten staatssozialistischen resp. kommunistischen Experiments in der Sowjetunion und in Osteuropa hat auch sozialdemokratische Zukunftsvisionen geschwächt. Eine eigentliche ideologische Krise „der Linken“, so Piketty, schwächte den Widerstand der Zivilgesellschaften in ärmeren Ländern gegen die Strukturanpassungsprogramme von Weltbank und Währungsfonds. Er spricht von einem eigentlichen ideologischen Rückzug der Sozialdemokratie. Es sei der Sozialdemokratie nicht gelungen, eine Alternative („counter-narrative“) zum Neoliberalismus zu formulieren. Im Gegenteil, die Linke habe ihn zum Teil akzeptiert. Piketty geht noch weiter und erkennt im ideologischen Rückzug der Sozialdemokratie einen Grund für die veränderten Interessen der (ehemals) sozialdemokratischen Wählerbasis. Er verweist dabei auf die Sozialistische Partei in Frankreich, die Labour Party in Grossbritannien und die Demokratische Partei in den USA. Der Blick auf das Einkommensniveau und das Wahlverhalten zeigt eine wesentliche Veränderung in der Wählerbasis der sozialdemokratischen Parteien: Während in den Nachkriegsjahren die weniger gut ausgebildeten Lohn- und Gehaltsarbeiter die Linke wählten, bilden in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts Menschen mit höherer Bildung, einschliesslich Manager, einen wachsenden Anteil der Wählerbasis.

Ungleichheit in historischer Perspektive in Westeuropa

Um die Dynamik heutiger Ungleichheitsverhältnisse zu verstehen, geht es Piketty darum, ihre historische Entwicklung von herkömmlichen, «ständischen» Gesellschaften und ihren ideologischen Grundlagen zu verstehen. Die Gesellschaften im mittelalterlichen Europa setzten sich aus dem Klerus für die geistige Führung, dem Adel, der die Sicherheit garantierte und dem dritten Stand der gemeinen Leute oder Bauern zusammen. Letztere hatten die Früchte ihrer Arbeit zu einem grösseren Teil den beiden übergeordneten Ständen abzugeben.

Mit der französischen Revolution von 1789 übernahm der zentrale Staat die Verwaltung. Adel und Klerus verloren unmittelbar nach der Revolution zwar einen grossen Teil des von ihnen kontrollierten Bodens an den Zentralstaat, erhielten die übrigen Vermögensteile jedoch als Privateigentum. Dem Zentralstaat kam neu das Gewaltmonopol sowie die Durchsetzung von Gesetz und Rechtsprechung zu. Der Adel und der Klerus stellten, zusammen mit der Kirche, elementare soziale Dienstleistungen bereit. Ergebnis war das Entstehen einer „Eigentumsgesellschaft“ auf der Grundlage einer quasi sakralen Ideologie des Privateigentums.

Während unmittelbar nach der Revolution die soziale Ungleichheit sank, veränderte sich die Situation während des 19. Jahrhunderts bis zur sogenannten Belle Époque unmittelbar vor dem ersten Weltkrieg. Der Kapitalismus wurde zum dominierenden Wirtschaftssystem. Piketty versteht diesen als eine historische Bewegung, welche Privateigentum und Kapitalakkumulation über herkömmliche Eigentumsformen und Landesgrenzen hinaus ausdehnte. Indem er die Rolle der Ideologie hervorhebt, betrachtet er den Kapitalismus als einen „Auswuchs“ des Eigentumsrechts – er benutzt den Begriff des „Proprietarismus“ – eines Besitztums, das sich ursprünglich weitgehend auf Bodenbesitz konzentrierte.

Ein Blick in die historische Entwicklung von Kolonial- und Sklavengesellschaften

Während im westlichen Europa die Elite aus Klerus und Adel gemeinsam die traditionelle, ständische Gesellschaft führten, waren es die Brahmanen in Indien, die als ideologische Elite über eine Gesellschaft mit vier „Ständen“ dominierten. Brahmanen waren die Priester und geistigen Führer, während die Kshatriyas als Krieger für die Sicherheit zuständig waren. Die Vaishyas waren die Bauern, Viehzüchter, Handwerker und Händler, während die Shudras auf der untersten Ebene als Arbeiter die Aufgabe hatten, den drei anderen Klassen zu dienen. Im Zusammenhang mit der britischen Kolonisierung Indiens sowie der wirtschaftlichen, demographischen und territorialen Entwicklung und der Entstehung neuer kommerzieller und finanzieller Eliten veränderte sich das Gleichgewicht zwischen den vier Klassen Indiens. Um ihre Macht auszuüben ordnete die britische Kolonialmacht die Bevölkerung sozialen Kategorien zu, denen sie Brahmanen voranstellte, ohne Rücksicht auf soziale Identitäten und die einst flexiblen Grenzen zwischen den „Ständen“ zu nehmen. Damit schufen die Briten neue Gegensätze und Spannungsfelder. Dies entsprach einer Ideologie und Vorstellung, dass orientalistische Gesellschaften starr und unfähig seien, sich selbst zu regieren. Es war, wie das Beispiel der britischen Kolonialisierung Indiens illustriert, die Ideologie, welche die Grundlage für die Transformation sozialer Strukturen bildete.

In Sklavengesellschaften, wie bspw. den Plantagengesellschaften, war die soziale Ungleichheit am ausgeprägtesten. In Haiti konzentrierten sich 70 bis 80 Prozent des Gesamteinkommens auf die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung. Für die Kolonialmächte waren diese Gesellschaften äusserst profitabel. Piketty schätzt, dass in den 1780er Jahren 7 Prozent des Nationaleinkommens Frankreichs von diesen Gesellschaften stammten. Für Grossbritannien betrug dieser Wert 4-5 Prozent. Nach dem Ende der Sklavenzeit wurden zudem nicht die Sklaven für das erlittene Leid kompensiert, sondern die Sklavenhalter erhielten Kompensationszahlungen. Haiti wurde – nach seiner Unabhängigkeit von Frankreich – gezwungen, den Sklavenhaltern Kompensationszahlungen in der Höhe des dreifachen Jahresvolkseinkommens des Landes zu bezahlen. Von 1825 bis 1950 hat der Druck Frankreichs auf Haiti dazu geführt, dass die wirtschaftliche und politische Entwicklung des Landes von der Frage der Kompensationszahlungen dominiert wurde. Die Studien von Piketty bestätigen, dass der Kolonialismus für die Kolonialmächte äusserst profitabel war. Während in der frühen Kolonialphase die Sklavenwirtschaft 4-7 Prozent des Nationaleinkommens generierte, machten die Geldflüsse («returns on capital investments») in den späteren Perioden bis 8 Prozent aus.

Vom Kommunismus zum Post-Kommunismus

Neoliberale Politik mit einer ideologischen Ablehnung von Staatseigentum führte und führt weiterhin zu einem destabilisierenden Niveau sozialer Ungleichheit. Dem gegenüber wehrten sich kommunistisch geführte Regimes mit ihrer ideologisch begründeten Privateigentumsallergie gegen die Wiedereinführung eines kapitalistischen Systems.
Beide Ideologien wurden und sind Opfer der «Sakralisierung» des Staatseigentums auf der einen und des Privateigentums auf der anderen Seite, so Pikettys Analyse.

Der Kollaps des sowjet-kommunistischen Experiments 1989 und, in der Folge, eine Schocktherapie des Weltwährungsfonds IWF führten zu einem Ausverkauf der sowjetischen Vermögenswerte. Diese Geschichte einer radikalen Privatisierung brachte die Oligarchen hervor, so Piketty. Die 10 Prozent Einkommensstärksten steigerten ihren Anteil von gut 25 Prozent 1990 auf 40-50 Prozent in nur zehn Jahren! Die 10 Prozent Topverdienenden strichen im Jahre 2000 einen Viertel des russischen Volkseinkommens ein. Dafür verantwortlich waren gemäss Piketty ein schwaches Kapitalkontroll- und Steuersystem, eine nur schwach progressive Einkommenssteuer von maximal 13 Prozent und das Fehlen einer Erbschaftssteuer. Nirgendwo sonst auf der Welt sei ein derart rascher Übergang zu einer höchst ungleichen Gesellschaft zu beobachten gewesen.

Neue politische Konstellationen

Piketty untersuchte die Bedeutung von Ideologien, die eine Umverteilungspolitik zu Gunsten mittlerer und unterer Schichten aufgrund der Zugehörigkeit zur «richtigen» ethnischen oder kulturellen Gruppe oder Hautfarbe rechtfertigten. In den Politiken von nationalistischen Politiker*innen wie Orban in Ungarn, Le Pen in Frankreich und Trump in den USA erkennt Piketty jedoch viel eher eine Antwort auf neue politische Konstellationen:  

Die Linke, so seine Analyse, sei zunehmend eine Partei der gebildeten, wirtschaftlich gut gestellten Berufsleute geworden, die aufgehört habe, sich für die Interessen der Arbeiterklasse, die traditionelle Wähler*innenbasis der Sozialdemokratie in Europa und den USA, einzusetzen. Die Linke verändere sich zu einer Partei der Hochgebildeten – die linken «Brahmanen» – während die Rechte (die Bürgerlichen) zur Partei der Hochbezahlten und Wohlhabenden (die rechten «Kaufleute», the «Merchant right») mutierte.

Die Sozial- und Fiskalpolitiken der «linken Brahmanen» und «rechten Kaufleute», so Pikettys These, näherten sich an. Er spricht von einer eigentlichen Interessenkonvergenz der beiden Gruppen. Die Sozialdemokratie trage mit ihrer Politik zur wirtschaftspolitischen Liberalisierung aktiv bei. Die deutsche SPD beispielsweise schafften, was die Christdemokraten nie erreichten: die Arbeiter*innenrechte zu schwächen. Die Interessenkonvergenz der beiden Gruppen hätte sich beispielsweise auch 2016 in den USA gezeigt, als Wall Street die demokratische Kandidatin Hillary Clinton stark unterstützte. Piketty argumentiert weiter, dass mit dieser Entwicklung ein Vakuum geschaffen wurde. Dieses wurde von einwanderungsfeindlichen und rassistischen Gruppen ausgefüllt. Sie gewannen Menschen aus der Arbeiterklasse für sich, welche sich verlassen fühlten.

Nicht ethnisch-kulturelle Identitätsunterschiede hätten das einst stabile Links-Rechts Kontinuum erschüttert, sondern die Aufspaltungen sowohl auf der rechten wie der linken politischen Seite. Die Linke sei nun gespalten in die gut gestellten „Brahmanen“ mit ihren reichen Alliierten und diejenigen, die radikal eine Umverteilung verlangen. Die Rechte wiederum ist gespalten zwischen der traditionellen Wirtschaftselite und den nationalistisch, ethnisch-kulturell ausgerichteten Gruppen.

Veränderung von Ungleichheit und die Krise der Sozialdemokratie

Wie erwähnt diskutiert Piketty die These, dass Ungleichheit primär ideologisch und politisch bedingt, von den dominierenden Eliten so gewollt sei und nicht natürlich, kein Ergebnis wirtschaftlicher oder technologischer Bedingungen. Dies gelte sowohl für Sklaven- und Kolonialgesellschaften als auch für ständische, sozialdemokratische oder kommunistische Gesellschaften.
Wichtig für Veränderungen von Ungleichheitsverhältnissen seien: (i) Ideen, die das System herausfordern und zu einer innovativen Veränderung beitragen könnten und (ii) «switch points», Zeiten von Systemkrisen wie beispielsweise diejenige während der Zwischenkriegszeit in Europa. Die wirtschafts- und verteilungspolitischen Veränderungen in diesem Zeitraum basierten auf veränderten Einschätzungen zur Fähigkeit des Systems von Kapitalismus und Privateigentum, Wohlstand zu erzeugen und vor Krisen und Kriegen zu schützen. Verschiedene Varianten des Sozialismus, inklusive dem «New Deal» in den USA lieferten die Ideen.

Piketty erkennt in der Krise der Sozialdemokratie ab den 1970er Jahren einen derartigen «switch point». Die Sozialdemokratie vorab in Frankreich und in Grossbritannien hätten sich zu stark auf die Überwindung des Privateigentums konzentriert. Gerade Modelle der Arbeiter*innenmitbestimmung aus Skandinavien und Deutschland hätten unbedingt beachtet werden müssen. Die seit den 1980er Jahren radikale Zuwendung zum «Proprietarismus» habe, so Piketty, zu den verschiedenen Finanzkrisen, Rezessionen und zu extremer Verteilungsungleichheit geführt. Wegen der Globalisierung seien Lösungen auf nationaler Ebene, wie sie auch die Sozialdemokratie verfolgt habe, nicht mehr angepasst. Die weltweit freie Zirkulation von Kapital und Gütern sei ohne jegliche steuerliche oder sozial(politische) Ziele erfolgt, wie wenn die Globalisierung ohne Fiskaleinnahmen, Bildungsinvestitionen und soziale und Umweltregeln auskommen könnte.

An die Adresse der Sozialdemokratie sagt Piketty: Ohne Ideen einer wirtschaftlichen Transformation, welche die Ungleichheit national und international verringern würde, werden nationalistische und ethnisch-kulturell ausgerichtete Regierungen eine starke Stimme haben.

Der «partizipative Sozialismus» als Schlüssel einer gerechten Gesellschaft

Als Lösungsweg schlägt Piketty einen «partizipativen Sozialismus» vor. Eine gerechte Gesellschaft soll allen ihren Mitgliedern den Zugang zu einem möglichst breiten Spektrum grundlegender Güter und Dienstleistungen (Bildung, Gesundheit, Stimm- und Wahlrecht) und allgemein die Teilnahme an allen verschiedenen Formen des gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen, staatsbürgerlichen und politischen Lebens ermöglichen. Das soziale und wirtschaftliche Leben, Eigentumsrechte und die Verteilung von Einkommen und Vermögen sollen so organisiert werden, dass auch den am wenigsten begünstigten Mitglieder die bestmöglichen Lebensbedingungen garantiert werden. So das Verständnis von Piketty. Mit „Partizipation“ unterstreicht er die Bedeutung einer dezentralen – allenfalls föderalen – Organisation von Staat und Gesellschaft. Wichtig: Piketty stellt sich gegen das System eines zentralstaatlichen Sozialismus à la Sowjetkommunismus.

Ein besonders wichtiges Element ist die Mitbestimmung und Mitbeteiligung der Arbeiter*innen und ihrer Vertreter*innen in der Unternehmensführung. Piketty bezieht sich dabei auf das deutsche Unternehmens-Mitbestimmungsmodell. Dieses fördere Langfristigkeit, im Unterschied zu den kurzfristig ausgerichteten Finanzinteressen der „shareholders“. Den einzelnen Arbeitnehmer*innen sollte es zudem erlaubt sein, Anteile an ihren Unternehmungen zu erwerben und so die Hälfte der Stimmen, die sie ohnehin als Kollektiv bereits innehaben, zu ergänzen. Der Einfluss der Investor*innen würde bei maximal einem Drittel ihrer Investitionsmittel begrenzt.

Als weiteres Element einer gerechten Gesellschaft bezeichnet Piketty die (Wieder-)Einführung einer progressiven Erbschaftssteuer und hohe maximale Einkommenssteuersätze. Die ebenfalls progressive Vermögenssteuer müsste alle Vermögensarten, also auch Immobilien, einschliessen.

Piketty skizziert das Konzept eines „sozialen und zeitlich befristeten Eigentums“. Letztlich seien es bestimmte gesellschaftliche Regelungen und Leistungen, die zur Schaffung grosser Vermögen geführt hätten, also öffentliche Leistungen, beispielsweise die öffentlich-finanzierte Bildung. Diese Vermögen sollten, in jährlichen Raten zurückgegeben werden. So die Idee und Begründung für progressive, jährlich zu entrichtende Vermögenssteuern. Ein Steuersatz von mindestens 5 bis 10 Prozent wäre nötig, um die Vermögenskonzentration zu senken oder zumindest zu stabilisieren, so rechnet Piketty. Seit den 1980er Jahren sind die grössten Vermögen um jährlich 6 bis 8 Prozent gestiegen!

Zusammen mit progressiven Steuern auf CO2-Emissionen sollten die Einkommens-, Vermögens- und Erbschaftssteuern genügend Einkommen generieren um die soziale Sicherheit (Sozialversicherungssysteme), ein (minimales) Grundeinkommen und ein „Universal Capital Endowment“ für jede Bürgerin und jeden Bürger finanzieren. Für Leute ohne oder mit wenig Einkommen sollte das minimale Grundeinkommen maximal 60 Prozent des Durchschnittseinkommens (nach Abzug der Steuern) betragen. Mit steigendem Einkommen sollte dieser Prozentsatz jedoch bis Null sinken. Piketty schätzt, dass dieses Grundeinkommen rund 30 Prozent der Bevölkerung erreichen und rund 5 Prozent des Volkseinkommens kosten würde. Die Kosten für die Sozialversicherungen und das Grundeinkommen würden zusammen 45 Prozent des Volkseinkommens bzw. Bruttonationalprodukt ausmachen.

Das sogenannte „Universal Capital Endowment“ (universelle Kapitaldotation) bedeutet: Alle jungen Menschen erhalten bei einem gewissen Alter, z.B. bei 25 Jahren, ein bestimmtes Kapital ausbezahlt, das ihnen erlaubt, selbständig am Wirtschafts- und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Der Betrag in reichen Ländern (Westeuropa, USA, Japan) würde 60 Prozent des Durchschnittsvermögens pro Kopf der Bevölkerung betragen. Dieses Kapital würde den jungen Menschen erlauben, beispielsweise ein eigenes Haus zu erwerben oder in ein (eigenes) Unternehmen zu investieren. Dieser Mechanismus soll eine dauerhafte Zirkulation von Gütern und Vermögenskapital ermöglichen. Piketty schätzt, dass die progressiven Vermögens- bzw. Reichtumssteuern rund 5 Prozent des nationalen Volkseinkommens ausmachen würden. Mit dieser Summe könnten diese Kapitalzahlungen finanziert werden. Nach einer Modellrechnung würde diese Umverteilung dazu führen, dass 80 bis 90 Prozent der Menschen an Vermögen gewinnen. Dagegen würden die Reichsten 10 Prozent zum Teil massive Vermögenseinbussen erleiden, bis zu 90 Prozent des Vermögens von Milliardären würden weggesteuert. Harte politische Auseinandersetzungen wären damit mit Sicherheit zu erwarten.

„Bildungsgerechtigkeit“ ist ein weiterer Pfeiler einer gerechteren Gesellschaft, wie sie Piketty vorschwebt. Fehlender Zugang zu Qualitäts-Bildung, so zeigt er in seinen Studien auf, ist ein wesentliches Merkmal von sozialer Ungleichheit. Er schlägt deshalb vor, dass jedes Kind das Recht auf gleiche Bildungsfinanzierung habe und die damit verbundenen Mittel für unterschiedliche Bildungsvorhaben (technische, universitäre, Weiterbildung, etc.) verwenden könne, dies via einen Bildungsfonds.

Ebenso schlägt Piketty sogenannte „democracy equality vouchers” vor. Jeder Bürger*in soll jedes Jahr beispielsweise 5 Euro für politische Parteien oder Bewegungen ihrer Wahl verwenden können.  

Vieles des Vorgeschlagenen kann nur von Ländern mit höherem Volkseinkommen finanziert werden. Es geht Piketty jedoch um eine länderübergreifende Gerechtigkeit mit transparenter Zusammenarbeit in Fragen von Eigentum und Vermögen. Es war und ist gerade die Globalisierung mit der bisher kaum kontrollierten Zirkulation von Unternehmens- und Finanzkapital, die für massive Ungleichheiten verantwortlich sei. Als eine Möglichkeit schlägt er die Etablierung einer «Euro-African Assembly» vor, die sich vor allem um kompensatorische Massnahmen im Zusammenhang mit der globalen Klimaerwärmung und dem freien Personenverkehr aller Menschen beschäftigt.

Die Vorschläge von Piketty beantworten nicht alle Fragen. Er will jedoch aufzeigen, dass menschliche Gesellschaften ihre Fähigkeiten für neue ideologische und institutionelle Lösungen noch nicht ausgeschöpft haben.

Schlussbemerkung

Wie unter Wikipedia zu lesen ist, sind die Analysen und die Überlegungen von Piketty zu einem künftigen gerechteren Gesellschaftsmodell durchaus kritikwürdig, aus ökonomischer wie politischer Perspektive. Uns beeindruckt jedoch sein Versuch, den Umgang und die politisch-ideologischen Begründungen für soziale Ungleichheit bzw. Umverteilung über lange Zeitperioden und für verschiedene westliche, östliche und südliche Gesellschaften darzustellen. Ebenso interessant und «umwerfend» sind seine Vorschläge, wie eine gerechtere Gesellschaft aussehen könnte, eine Alternative zu staatssozialistischen, neoliberalen, autokratischen oder gar nationalistisch-identitären Vorstellungen. Was wir uns fragen: Wann werden die sozialen Spannungen genügend gross, damit die Politik notwendige Veränderungen – im Sinne der von Piketty vorgeschlagenen – vornimmt? «Wieviel Krise» wird nötig sein? Von wem ist «vorausschauendes» Handeln zu erwarten? Es sind Persönlichkeiten wie Amartya Sen, Eleonor Ostrom oder eben Thomas Piketty, welche Ideen für die nötige politische Auseinandersetzung über eine gerechtere Gesellschaft bieten.

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