Handeln ohne «letzte Gewissheit»

… in Zeiten der Coronapandemie
und der Klimaerwärmung!

 

 

 

Anfangs Mai war es soweit. Angelo, unser siebenmonatiger Enkel ging erstmals in die Kita. Bis dahin hüteten wir Grosseltern ihn einmal pro Woche. Zusammen mit seinen Eltern bildeten wir einen Corona-Cluster, wir wollten unbedingt eine Ansteckung verhindern. Mit dem Kitaeintritt von Angelo setzten wir das Hüten für einige Wochen aus. Bleiben die Betreuer*innen gesund? Wie steht es mit den Familien der anderen Kinder? Könnte Angelo das Virus in unsere Familie bringen? Werden wir damit auf einmal gefährdet? Dies waren einige unserer vielen Fragen.

Geschehnisse einschätzen und Vorstellungen entwickeln

Weder Professor Drosten, der bekannte Immunologe aus Deutschland, noch Herr Koch vom Bundesamt für Gesundheit konnten uns mit Sicherheit darüber Auskunft geben, ob Angelo das Virus übertragen und uns anstecken kann. Beide sind bedeutende Experten, ihre Kenntnisse reichen aber auch nicht aus um zu beurteilen, ob eine Ansteckungsgefahr besteht, ob Kinder wichtige Überträger*innen sind oder nicht. Wir erinnern uns an die Auseinandersetzungen um die Schliessung und Wiedereröffnung von Schulen und Kitas.

Seit Ende Mai und einer deutlich entspannten Gesundheitssituation hüten wir unseren Enkel wieder. Klare Antworten auf unsere Fragen haben wir zwar nicht erhalten, ausser dass wir erfahren haben, dass die Kinderärzt*innen in der Schweiz davon ausgehen, dass Kinder unter zehn Jahren das Virus nicht übertragen. Wir bleiben weiterhin ohne absolute Gewissheit darüber, was für ein Ansteckungsrisiko wir eingehen. In der Zwischenzeit haben wir uns mit all den Informationen und Einschätzungen von Fachleuten ein Bild davon gemacht, welche Situationen für uns besonders risikoreich sind – wie zum Beispiel die Fahrt in einem gut gefüllten Postauto, ein Gedränge im Supermarkt vor der Käseablage oder beim langen Warten in der immer dichter werdenden Kolonne vor dem Marktstand. In der Zwischenzeit haben wir erst von einem einzigen Kita-Ansteckungsfall gehört. Wir bleiben weiterhin aufmerksam auf die Geschehnisse um uns herum, unter Umständen müssen wir unser Bild anpassen und auch unser Hüten und das Zusammensein mit Angelo wieder verändern.

Die Spuren und Veränderungen verfolgen

Als der Bundesrat im vergangenen März den «lock-down» anordnete, musste er dies tun, ohne exakt zu wissen, wo und bei wem sich das Virus eingenistet hat, wer in welchem Alter gefährdet ist zu erkranken, wer zu welchem Zeitpunkt ansteckend ist und wie viele erkrankte Menschen medizinisch behandelt oder gar auf der Intensivstation gepflegt werden müssen. Es ging ihm im Wesentlichen darum, die «Ansteckungskurve zu glätten» und damit das Gesundheitssystem und die Pflegenden vor einer Überlastung zu schützen. Es blieb dem Bundesrat nichts anderes übrig, als das Leben bis auf das Überlebensnotwendige – die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten – einzuschränken. Diese «Vollbremsung» hat zum erwarteten Resultat geführt, die Kurve flachte ab, die Neuinfektionen nahmen massiv ab. Gleichzeitig wurden auch die wirtschaftlichen und sozialen Kosten dieser «Bleihammermethode» klar. Der Bund alleine hat Mittel im Bereich von 10 Prozent des jährlichen Volkseinkommens mobilisiert. Die wirtschaftlichen Folgen für Angestellte und Unternehmer*innen sind noch nicht genau abzuschätzen. Dank unzähliger wissenschaftlicher Studien und Modellrechnungen wurde in der Zwischenzeit Vieles klarer: Übertragungen geschehen vorwiegend in Innenräumen, oder auch: eine gezielte «Durchseuchung» der Bevölkerung ist weder volkswirtschaftlich sinnvoll noch ethisch vertretbar. Das «tracing» der Ansteckungsketten bleibt das A und O bei der Bekämpfung der Pandemie. Entsprechend dieser Erkenntnisse hat der Bundesrat seine Lockerungsstrategie beschlossen, eine schrittweise «Wiederinbetriebnahme» des öffentlichen Lebens. Absolute Gewissheit über die Wirksamkeit dieser Massnahmen besteht aber für die Behörden weiterhin nicht. Weiterhin fehlt die Gewissheit über die Rolle von Kindern in der Ansteckungsreihe. Gewissheit besteht unter den Fachleuten lediglich darin, dass erst der Impfstoff für alle Menschen die Pandemie beenden wird. Schutzmassnahmen wie Hände waschen oder «social distancing» sind deshalb weiterhin nötig, ohne dabei jedoch die «letzte» Gewissheit zu haben, damit das Richtige und Nötige in ausreichendem Masse zu tun.

Auf der Suche nach Klarheit

Klarheit zu haben darüber, was um uns herum geschieht, zu wissen, was die Ursachen von Geschehnissen sind, was ich tun muss um etwas Bestimmtes zu bewirken oder gar, was zu einem Unglück, zu etwas Unvorhergesehenen führen kann, ist für uns wichtig. Wir wollen in Gewissheit leben.

Wer von uns hat nicht schon in einem fremden Land ein Auto gesteuert und sich dabei gefragt, welches die ungeschriebenen Verkehrsregeln sind, beispielsweise für Fussgänger, wenn die Zebrastreifen fehlen, bei der Einfahrt in einen Kreisel oder wenn das entgegenkommende Fahrzeug plötzlich aufblendet? Wie oft sind wir im Supermarkt unschlüssig vor den Warenauslagen gestanden und haben uns gefragt, ob die weisse Plastikmilchflasche oder doch der Kartonbeutel umweltverträglicher sei und ob beim Gemüse die Biotomaten aus Andalusien wirklich weniger ökologisch sind als die konventionellen aus Holland? Und wie steht es mit den Fairtrade-Rosen aus Zimbabwe, wiegt der Mehrpreis für die Blumenpflückerinnen den CO2-Verbrauch wegen der Luftfracht auf? Und, aktuell: welchen Schutz bieten Hygienemasken, die ja in der Schweiz im Gegensatz zu Nachbarländern erst jetzt zwingend im öV zu tragen sind?

Fragen ohne eindeutige Antworten zu erhalten

Auf der Suche nach Gewissheit und Klarheit sind wir auf Erklärungen angewiesen. Wir suchen sie bei Fachleuten oder uns vertrauten Personen und Organisationen, wobei wir dazu  tendieren, diejenigen Erklärungen und denjenigen Fachleuten Glauben zu schenken, die unseren Sichtweisen am meisten entsprechen. Wir erfahren jedoch immer wieder, dass wir auf viele Fragen keine befriedigenden, eindeutigen Antworten erhalten. Wir müssen als Einzelpersonen oder als Gesellschaft Entscheide ohne «Expertise» treffen, sozusagen in Unsicherheit. Soll ich jetzt eine Hygienemaske im Gedränge auf dem Wochenmarkt anziehen ohne zu wissen, wer mich anstecken könnte? Welche (tiefe) Ansteckungsrate für COVID 19 sollen die Behörden anstreben damit eine zweite Ansteckungswelle unter Kontrolle bleibt und gleichzeitig das wirtschaftliche und soziale Leben nicht noch einmal stark leidet? Welche Beiträge helfen den Bäuerinnen und Bauern, ihre Betriebe auf eine agrarökologische Produktion ohne den Einsatz von umwelt- und gesundheitsschädlichen Schädlingsbekämpfungs- und Düngemittel umzustellen? Oder müsste die herkömmliche Landwirtschaft für die ökologischen und sozialen Kosten ihrer intensiv produzierten Nahrungsmittel aufkommen, beispielsweise mit einer Abgabe auf den erwähnten schädlichen Stoffen, was sich auf die Preise am Marktstand oder im Supermarkt auswirken würde?

Pandemie und Klimawandel sind komplexe Phänomene

Die Gesellschaft und wir als Einzelpersonen erleben gerade in Zeiten der Coronapandemie oder der Klimaerwärmung, dass wir nicht genau wissen, was wir tun müssen um zu einer bestimmten Wirkung zu gelangen, oder dass wir nicht wissen, welches die Ursachen eines Ereignisses waren. Es ist die Komplexität unseres Lebens – das «Alles ist von Allem abhängig»  – mit der wir konfrontiert sind. Oftmals können uns auch die besten Fachleute keine eindeutigen Hinweise geben. Komplexe Lebensumstände bleiben für uns oftmals unergründlich. Der Bundesrat weiss nicht exakt, was passiert, wenn er das Tragen von Hygienemasken nicht verordnet, sondern nur dringend empfiehlt, weil er die Eigenverantwortung der Menschen achtet. Was er jedoch machen kann, und dies gebietet das Handeln in Unsicherheit: Er trifft einen Entscheid und beobachtet, wie sich die Menschen im öffentlichen Verkehr oder auf Ausgehmeilen konkret verhalten. Wissenschaftliche Studien zum Virenbefall von Kindern und Ansteckungen in Schulen und Kitas liefern die nötigen Hinweise um zu erkennen, nach welchem «Muster» sich die Pandemie präsentiert, ohne dass die Bevölkerung grossmehrheitlich immun ist. Darauf aufbauend kann über weitere Lockerungen oder allenfalls auch neue Einschränkungen entschieden werden.

Im Anhang unten stellen wir das Cynefin Modell vor. Es erläutert, wie wir sinnvoll in und mit komplexen Zusammenhängen umgehen können.

Handeln jetzt, auch ohne Gewissheit, um die Pandemie zu bewältigen und den Klimawandel einzugrenzen

Die Pandemie lehrt uns ohne „absolute“ Gewissheit und ohne „volle“ Klarheit Entscheide zu treffen, sowohl als Einzelpersonen im Gedränge am Marktstand als auch als Gesellschaft, wenn es um die Wiedereröffnung von Schulen, Restaurants oder gar Clubs geht.

Diese Erfahrungen sind wichtig für den Umgang speziell in Zeiten der Klimakrise. Wir wissen, dass die CO2-Emissionen auf netto Null gesenkt werden müssen. Wir wissen auch, dass dies möglichst rasch – und nicht erst 2050 – geschehen muss. Eine Erwärmung der Atmosphäre von 1.5 Grad, so die Wissenschaft und die Politik, soll «verkraftbar» sein, die Gesellschaft lebt im Moment jedoch auf einem deutlich «wärmeren» Pfad. Wir wissen nicht, welche Wirkung technologische Innovationen bringen. Handeln ist also mehr als dringend notwendig.

Was wir in der Pandemie gelernt haben, ist jedoch: Abwarten ohne zu Handeln gefährdet unser Überleben! Ohne Entscheide für einen «lock-down» hätte das Gesundheitssystem nicht überlebt und es wären viel mehr Verstorbene zu beklagen. Nur Handeln – ohne Gewissheit, in Unsicherheit – gibt uns Grundlagen um zu verstehen, ob und nach welchem Muster sich das Klima und das Leben dabei verändern und welche weiteren Massnahmen sinnvollerweise getroffen werden müssen.

Nicht nur die Menschen brauchen Hygienemasken, die Erde benötigt einen Mundschutz, und zwar jetzt!

(Und ein Bild dazu aus dem Migros Magazin vom 2. Juni 2020)


ANHANG

Ein internationals Netzwerk „Cognitive-Edge“  hat ein eingängiges Konzept- das Cynefin®-Framework – entwickelt. Dieses soll insbesondere Führungskräften ermöglichen, Dinge aus neuen Blickwinkeln zu betrachten. Es soll helfen zu erkennen, in welchem Zusammenhang wir uns befinden, damit wir nicht nur bessere Entscheidungen treffen, sondern auch die Probleme vermeiden können, die auftreten, wenn wir aufgrund unserer bevorzugten Art und Weise, wie wir Entscheide treffen, Fehler machen.

„Cynefin“ ist ein walisisches Wort. Es wird als <kuh-nev-in> ausgesprochen und bezeichnet die vielfältigen Faktoren in unserer Umwelt und in unserer Erfahrung, die uns auf eine Weise beeinflussen, die wir nicht verstehen können.

Das Konzept unterscheidet vier verschiedene (System-)Zusammenhänge:

Einfache Systeme

Wir kennen die Ursache-Wirkungs-Beziehungen, sie sind vorhersehbar und wiederholbar. Wenn wir bei Wind alle Fenster in unserer Wohnung öffnen, wird es „windig“, wenn wir bis auf eines alle Fenster schliessen können wir den „Durchzug“ verhindern.

Wir entscheiden und reagieren aufgrund unserer Erfahrung und entwickeln eine „beste und immer bewährte Praxis“

Komplizierte Systeme

Es bestehen Ursache-Wirkungs-Beziehungen, die aber für die meisten von uns nicht selbstverständlich sind. Sie erfordern Fachwissen. Was tue ich, wenn ich beispielsweise im Winter im Heizkörper ein Klopfen vernehme, unabhängig von der Stellung meines Danfossventil?

In solchen Fällen überlassen wir den Entscheid häufig Fachleuten, welche die Situation analysieren und aufgrund ihres Fachwissens und ihrer Erfahrung eine „gute Expert*innen Praxis“ vorschlagen oder anwenden.

Komplexe Systeme

Der Zusammenhang von Ursache und Wirkung wird nur im Nachhinein offensichtlich. Wirkungen von Massnahmen sind unvorhersehbar. Es besteht keine Gewissheit darüber, ob und in welchem Masse das Tragen von Hygienemasken zur Verringerung der Ansteckung beiträgt. Erst erste nachträgliche Forschungen zeigen, dass offenbar eine wesentliche Verringerung an ausgewählten Orten erzielt worden ist.

Entscheide für oder gegen das Maskentragen kann sich nicht auf eindeutiges Fachwissen abstützen. Sowohl die Behörden als auch wir Einzelpersonen sondieren, ob und wie stark sich die Ansteckungszahlen verringern, ohne genau zu wissen, welcher Anteil dieser Veränderung auf das Maskentragen zurückgeführt werden kann. Mit der Zeit ergeben sich unterschiedliche Muster an verschiedenen Orten mit und ohne Maskentragpflicht. Aufgrund der Beobachtung dieser Muster können Entscheide und ein neuer Umgang („emerging practices“) angewendet werden.

Chaotische Systeme

Es werden überhaupt keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen offensichtlich. Das System „macht, was es will“. Italien resp. die Lombardei wurde von der Virusansteckung unvorbereitet (so die Annahme) überrascht, rasches Handeln wurde nötig um überhaupt „das System“ in den Griff zu kriegen. Erste massive „lock-downs“ wurden verfügt.

Sinnvolle rasche Handlungen zur Stabilisierung sind nötig, neuartige praktische Massnahmen müssen ergriffen werden.

Darüber hinaus können wir uns in Situationen finden, in denen wir über die Zusammenhänge im Ungewissen bleiben oder wir uns über diese Zusammenhänge uneinig sind, wir also auch nicht sinnvoll und rasch handeln können. Die Universität Bern nennt in ihrer Anwendung des Cynefin-Konzepts Situationen bzw. Herausforderungen wie die Bekämpfung von Korruption oder Transformation der Energieversorgung und Dekarbonisierung

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