Gedanken auf dem Waldspaziergang

Vermeintliche Idylle

Die Idylle ist perfekt. Der Bremgartenwald leuchtet im Licht der Frühlingssonne. Diese steht schon hoch am Himmel. Noch tragen die Bäume kein Laub, aber die frühlingshafte Wärme bringt bereits erste Knospen zum Spriessen.

Junge Eltern schieben ihre Kinderwagen über die breiten Waldwege und in einer Lichtung vergnügt sich eine Spielgruppe beim «Hochtschiggle». Erstaunlich viele Väter begleiten ihre Kleinen an diesem Mittwochnachmittag. Ich geniesse die Waldluft, das Zwitschern der Vögel und ein erstes schon fast sommerliches Summkonzert von Insekten.

Meine Aufmerksamkeit bleibt aber nur kurz bei dieser Idylle, in Gedanken schweife ich immer wieder zur ungewöhnlichen Situation ab, in der wir uns hier in Bern, in der Schweiz und Europa und zusehends in allen Ländern der Welt befinden:

… die Coronakrise.

Drei Wochen

Die Ereignisse der vergangenen Tage und wenigen Wochen kreisen in meinem Kopf. Vor gut drei Wochen wurde in der Schweiz die erste Ansteckung mit dem Virus bekannt, zu meiner und wohl vieler Überraschung. Bereits der Einbruch der Krankheit bei unseren südlichen Nachbarinnen und Nachbarn hat mich erschreckt. Bis dahin konzentrierte sich der dramatische Ausbruch dieses neuen Virus’ auf Regionen weit weg, auf China und andere ostasiatische Länder.

Ich höre noch heute, wie Fachleute und die Medien – einige bereits seit dem Ausbruch der Krankheit anfangs Jahr – die Ernsthaftigkeit der Situation betonten und schlimme Bilder über das, was die Menschen zu erwarten haben, malten. Noch zögerten wir wie viele von uns, die Anweisungen strikt zu befolgen, die uns der Bundesrat bereits vor gut zwei Wochen anmahnte: Hände waschen, Distanz bewahren, wenn möglich zu Hause bleiben. Das Verbot grosser Veranstaltungen hat zwar ein erstes Mal auch uns aufgeschreckt, direkt unter den Konsequenzen litten jedoch vorerst die Veranstalterinnen und Veranstalter. Ein abgesagtes Chorkonzert oder die sistierten Orchesterproben schmerzen uns zwar. Das Verzichten «kostet» uns jedoch nicht viel. Waren es nun die neuesten, drastischen Massnahmen, die Schliessung aller Schulen, der Restaurants und der meisten Läden zusammen mit den besorgniserregenden Berichten aus Italien und den angsteinflössenden Szenarien von Zehntausenden von Toten und einem Kollaps des Gesundheitssystems in der reichen Schweiz, die uns nun zu Einsicht und Vorsicht im täglichen Tun und Lassen bewegen?

Uns ist bewusst: Auch wir haben in den vergangenen Tagen noch Hände geschüttelt und Freundinnen und Freunde umarmt. Das «social distancing» blieb vorerst eine erheiternde Wortschöpfung. Es wird uns erst jetzt klar, dass wir nicht nur uns schützen, sondern uns so verhalten müssen, dass wir nicht andere Menschen anstecken und so zur Verbreitung des im Moment unbesiegbaren Virus beitragen. Erst damit, so die Fachleute des Bundesamtes, würden wir mithelfen, den Anstieg der Infektionen möglichst lange möglichst tief zu halten. Weil: Im Kern geht es darum, dass das Gesundheitssystem und all die Infrastrukturen und Dienstleistungen, die uns ein angenehmes und würdiges Leben ermöglichen nicht kollabieren!

Regierungslogik

Die Corona-Pandemie gefährdet zwar einzelne Menschen, viel mehr gefährdet sie die Funktionsfähigkeit unseres Gemeinwesens resp. seiner Organisation. Konkreter soll es den Spitälern mit all dem medizinischen Personal – unserem Gesundheitssystem – möglich bleiben, uns alle, wenn wir krank werden, professionell gesund pflegen zu können. Es ist diese Gefährdung, welche die Politik und Regierung zu drastischen Massnahmen veranlassen. Offensichtlich ist es die unmittelbare Gefährdung des Gesundheitssystems – und nicht die Gefährdung der einzelnen Menschen –, die das unmittelbare und dringliche Handeln ausmacht, zudem die Regierungen verpflichtet sind.

Die Zivilgesellschaft

Dem Handeln der Regierung gegenüber entstehen in der Zivilgesellschaft eine grosse Anzahl an Initiativen, die sich an die individuell Gefährdeten richten. Damit bauen die Bürgerinnen und Bürger Unterstützungsnetze auf, welche die öffentlichen Gesundheits- und Versorgungssysteme, subsidiär, ergänzen! Eine typisch schweizerische «föderalistische» Antwort, entsprechend den Miliz- und Subsidiaritätsprinzipien. Hier drei Hinweise:

Gemeinsam gegen Corona!
Organisiere dich im Freundeskreis, um anderen Menschen zu helfen oder die Kinderbetreuung zu organisieren. Finde Hilfe, wenn du oder eine andere Personen, die du kennst, Unterstützung benötigen. Hier findest du Kontakte und Tipps für die Selbstorganisation

Crossiety
Der digitale Dorfplatz bietet die Möglichkeit, einfach und schnell die lokale Bevölkerung zu erreichen.

Klimajugend: #WirHelfen – Solidarität gegen Corona
Kontakt mit Menschen aus Risikogruppen ist möglichst zu vermeiden. Wir wollen praktische Hilfe leisten. Wir unterstützen das Umfeld der Betroffenen, übernehmen die Aufgaben von Menschen aus Risikogruppen

Und die Klimakrise?

Im Weitergehen frage ich mich: Gibt es denn Parallelen zur «Klimakrise»? Was ist der Grund, dass wir als Gesellschaft, aber auch als Einzelne, so verschieden auf die beiden Krisen reagieren? Wir sind in der momentanen Krise, geführt von unseren (Bundes- und Kantons-)Regierungen bereit, unseren Bewegungsraum einschränken zu lassen und massive wirtschaftliche Einbussen in Kauf zu nehmen.

Die Klimakrise, so direkt spürbar sie für die Bauern und Bäuerinnen, die Bewohner von Alpentälern und, vor allem für Millionen von Menschen im globalen Süden schon heute ist, löst nur zögerlich Massnahmen aus, die in den allermeisten Fällen die wirtschaftlichen Tätigkeiten in allen Ausprägungen nicht behindern sollen. Weiterhin wird in bekanntermassen klimaschädliche Vorhaben investiert und die kleinsten Einschränkungen erzeugen einen Politskandal. Sind die vom raschen Klimawandel ausgelösten Gefährdungen unseres Lebens resp. unserer Institutionen keine unmittelbaren, die dringliches Handeln erfordern würde?

Die politischen Entscheidungsträger kümmern sich viel weniger um die Gefährdung von einzelnen Menschen als um die Erhaltung des Existierenden. Bereits heute mussten gemäss Greenpeace über 20 Millionen Menschen wegen der Klimaveränderungen flüchten und für 2040 soll sich diese Zahl auf 200 Millionen Menschen erhöhen. Von den Regierungen resp. Parlamenten werden kaum Massnahmen ergriffen, diese Menschen in das Leben einzugliedern, im Gegenteil. Im Vordergrund steht die Ausgrenzung, diese soll die bestehende gesellschaftliche bzw. staatliche Organisation schützen! Die Situation auf der Insel Lesbos in Griechenland führt uns diese Ausgrenzung direkt vor Augen. Unter welchen Umständen werden Klima- resp. Umweltflüchtlinge zum Ziel von «lebenserhaltenden» Massnahmen? Dies analog zur Intensivpflege von Corona-Erkrankten? Oder ist das System bereits kollabiert? Sind die staatlichen Institutionen und Gesellschaften nicht mehr in der Lage zu reagieren? Führt die «Triage» zwischen denjenigen die dazu gehören und den Ausgeschlossenen dazu, dass Klimaflüchtlinge keinen Zugang mehr zu den «Spitälern» und vergleichbaren Einrichtungen – den Arbeitsmärkten in erster Linie – der Weltgesellschaft finden können?

Als Gegenbeispiel denke ich an die Nansen-Initiative, die vom Berner Professor Kälin ins Leben gerufen wurde. Diese von Norwegen und der Schweiz getragene Initiative will Klimaflüchtlinge schützen und ihnen einen rechtlichen Status geben. Vermag diese Initiative die geschlossenen Türen zu öffnen und eine Grundlage zu schaffen, damit Klimaflüchtlinge nicht ausgeschlossen bleiben? Gelingt es der internationalen (Zivil-)Gesellschaft, subsidiär die staatlichen Strukturen zu stützen? Vermögen es die staatlichen Stellen und die Politik, derartige globalgesellschaftliche Initiativen zuzulassen?

Auf dem Heimweg

Zugegeben, ich kann diese Gedanken nicht zu einem klaren Ende führen. Ich kehre mit vielen Fragezeichen zurück von meinem Waldspaziergang. Auf dem Heimweg und im Quartier merke ich: Normalität herrscht nicht und, wie wir auch von unserer Tochter wissen, sicher nicht in den Intensivstationen der Spitäler. Werden wir erfahren müssen, dass es unseren grundlegenden Versorgungssystemen nicht mehr gelingt, unsere dringenden (Gesundheits-)Bedürfnisse zu decken? Wir wissen aus unserer Zeit in Äthiopien, dass die hiesige Gesundheitsversorgung nicht selbstverständlich ist, im Gegenteil. Corona macht uns einmal mehr darauf aufmerksam, diesmal nicht in Addis Abeba, sondern in Bern.

Äusserst positiv stimmen uns die Initiativen wie die oben genannten! Unsere Gesellschaft ist auf solche Initiativen uneigennütziger Mitmenschen angewiesen, dessen müssen wir uns als Bürgerinnen und Bürger und müssen sich diejenigen, die im Namen des Staates handeln, bewusst sein.

Zum Schluss

Was werden wir wohl in einigen Wochen auf einem Waldspaziergang erleben? Was wird uns dannzumal durch den Kopf gehen?

-> Was geht Euch durch den Kopf?

 

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