Niemand war schon immer hier, in der Schweiz

Darstellung aus der Ausstellung HOMO MIGRANS

«Was haben Neandertaler aus dem Berner Oberland, geflüchtete Hugenotten, schweizerische Zuckerbäcker, Kindermädchen und Südamerikafahrer, italienische Gastarbeiter, Nationalmannschaftsfussballer aus Kamerun und dem Kosovo und die Asylsuchenden aus Eritrea gemeinsam?» So lautet die leicht ergänzte Frage einer Journalistin zur Ausstellung im Berner Historischen Museum

HOMO MIGRANS, der Mensch auf Wanderschaft, so der Titel der Ausstellung. Sie führt die Besuchenden mit der Frage: «Wieviel Migration steckt in uns?» in die unzähligen Zeitperioden, Episoden von Aus- und Einwanderung und ihren Geschichten in der Schweiz ein.

Der Berner Bund brachte es (am 7.11.2019) in einem Artikel zur Ausstellung auf den Punkt: «Auch wir waren nicht schon immer hier».

Viel ist heute von Einwanderung die Rede, von «illegaler Migration» von Asylsuchenden aus Afghanistan, Eritrea, Gambia oder aus dem Niger. Wir erinnern uns an die Schwarzenbach-Initiative und andere politische Vorstösse, mit welchen die ausländische Wohnbevölkerung in der Schweiz begrenzt werden sollte. Zäune und andere Abwehrmassnahmen sollen Menschen, die verfolgt werden oder auf der Suche nach einem würdigen Leben sind, von der Einwanderung abhalten. Migration war jedoch schon immer ein konstituierendes Element unserer Gesellschaft, auch im Gebiet der heutigen Schweiz. Sie bleibt es weiterhin. Über 10 Prozent der Schweizer Bürger*innen leben nicht in der Schweiz und fast 40 Prozent der Menschen, die in der Schweiz leben, haben einen Migrationshintergrund.

Eigentliche Urschweizer und Urschweizerinnen gibt es nicht.

  • Wir müssen nicht bis in die Urzeit zurückgehen, als Neandertaler im Berner Oberland siedelten. Die grossflächige Besiedlung des Schweizerischen Mittellandes setzte vor 15000 Jahren ein, nach dem Abschmelzen der Gletscher. Jäger und Sammler lebten von Rentierherden und den wenigen Pflanzen, welche die karge Natur bereitstellte. Diese Menschen lebten aber nicht isoliert. Im Bereich des heutigen Moossees wurde Bernstein gefunden, der aus dem Baltikum stammte.
  • Vor gut 2000 Jahren wanderten die keltischen Helvetier von Norden her ein, sie gaben der heutigen Eidgenossenschaft ihren Namen: Confederatio Helveticae, versinnbildlicht auch in der Helvetia. Die Helvetier waren eigentlich auf der Durchreise Richtung Südwestfrankreich, wo sie jedoch von den Römern in der berühmten Schlacht von Bibrakte um 58 vor Christus gestoppt wurden. Einige von ihnen kehrten ins Mittelland zurück.
  • Die Römer bestimmten fortan während Jahrhunderten das Leben. Ein Zehntel der Bevölkerung bestand aus zugewanderten Römer*innen. Noch heute zeugen zum Teil gut erhaltene Ruinen von ihrer Präsenz. Die Römer christianisierten bis ins 6. Jahrhundert vor allem die Bevölkerung in der Westschweiz, im Wallis und im Tessin. Nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches waren es germanische Gruppen, die über das Mittelland  herrschten, ohne jedoch eine übergeordnete Ordnung durchzusetzen.

Migration war nie nur freiwillig, sie hing immer mit dem wirtschaftlichen und kulturellen Leben zusammen. Und: Gewisse Leute profitierten davon.

  • Das Bevölkerungswachstum war im 13.-16. Jahrhundert Anlass für eine starke Ausdehnung des landwirtschaftlichen Anbaus, mit ausgedehnten Waldrodungen. Dies zwang viele Menschen zur Migration. Ab dem 13. Jahrhundert wanderten die Walser aus dem Gebiet des Oberwallis aus, besiedelten viele Alpengebiete westlich und östlich und entwickelten eine intensive Alpwirtschaft.
  • Die Auseinandersetzung und der Kampf um den «richtigen» Glauben zwang Hunderttausende zur Migration. So nahm Bern Ende des 17. Jahrhunderts 30’000 aus Frankreich geflüchtete Hugenotten auf, 10 Prozent seiner Bevölkerung! Bern verfolgte jedoch auch Menschen, Andersgläubige. Die Täufer, die sich nicht an die staatlich verordnete Glaubensrichtung hielten, wurden zunächst verfolgt und später in die Flucht getrieben.
  • Auf der Suche nach Arbeit verliessen zwischen einer halben und 2 Millionen junge Männer (und wenige Frauen) die Schweiz und waren als Söldner
    Darstellung aus der Ausstellung HOMO MIGRANS

    für fremde Herrscher tätig. Davon profitierte auch die hiesige Bernische Oberschicht schamlos, mit Vermittlungsgebühren. Dies erinnert an den aktuellen Menschenhandel mit der Schlepperei.

  • Not und Aussichtslosigkeit (Nahrungsmittelkrisen 1816/17 und 1842 – 55) trieben im 19. Jahrhundert viele Menschen nach Übersee. Im Buch «Ibicaba. Das Paradies in den Köpfen» erzählt Eveline Hasler Geschichten von diesen Menschen.
    Darstellung aus der Ausstellung HOMO MIGRANS

    Prägend für jene Zeit waren auch die auswandernden Kindererzieherinnen, Lehrlinge, Handwerker und Kaufleute. Einige waren erfolgreich und konnten sich ein neues und gutes Leben aufbauen. Andere, unter ihnen auch viele Hausangestellte, gelangten in unwürdige Anstellungsverhältnisse. Wir denken dabei an die Hunderttausenden von Hausangestellten überall auf der Welt, die für wenige Hundert Dollar im Monat unmenschlich arbeiten und oft auch unwürdig behandelt werden, noch heute, auch in unserem Land.

Ab 1880, so informiert die Ausstellung, überwiegte die Zahl der Einwanderer*innen diejenige der Wegziehenden.

  • Und wir wissen: Es waren Italiener, die Kraftwerke, Tunnels und Strassen bauten. Ich erinnere mich gut an den Roman «Svizzero», den Niklaus Bolt 1913 über den jungen Italiener schrieb, der im Tunnel hoch zum Jungfraujoch gearbeitet hatte. Während die Männer unweit von unserer Wohnung die Länggassstrasse befestigten, arbeiteten die Frauen gleich nebenan in der Tobler Schoggifabrik! Viele haben sich unterdessen niedergelassen und haben ihre eigenen Unternehmungen gegründet, Coiffeur-Salons oder Pizzerias. Und: sie haben unseren Speiseplan mit Pizza, Pasta, Salaten und vielen anderen Herrlichkeiten recht eigentlich neugestaltet.
  • Während der Zwischenkriegszeit und dem zweiten Weltkrieg suchten viele von den Nationalsozialisten verfolgte Menschen Aufnahme in der Schweiz. Wir kennen namentlich die unrühmliche Art, wie Schweizer Behörden mit den jüdischen Flüchtlingen während des 2. Weltkriegs umgegangen waren. Alfred A. Häsler dokumentierte diese Flüchtlingspolitik der Schweiz in seinem Buch «Das Boot ist voll». Markus Imhof produzierte dazu in den frühen 1980er Jahre den gleichnamigen Film.
  • 1956 und 1968 kamen Menschen aus Ungarn und der Tschechoslowakei in die Schweiz, die nach den von den sowjet-kontrollierten Regimes niedergeschlagenen Aufständen aus ihren Heimatländern flohen. Sie fanden bei der Schweizer Bevölkerung wohlwollend Aufnahme.
  • Bereits mit den Tibeter*innen ab den 1960er Jahren und später den südostasiatischen Boatpeople suchten Menschen aus nichteuropäischen Ländern Schutz und ein würdigeres Leben in der Schweiz.
  • Politisch erfolgte eine Zäsur Ende der 1960er Jahre als James Schwarzenbach mit seiner Nationalen Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat die erste sogenannte Überfremdungsinitiative lancierte. Sie verlangte, dass in jedem Kanton die Wohnbevölkerung, die keinen Schweizer Pass besass, nicht mehr als 10 Prozent betragen dürfe. Bei einer Annahme hätten zwischen 300‘000und 400‘000 Menschen weggewiesen werden müssen. Trotz massiver Konsequenzen für die Schweiz und ihre Wirtschaft wurde die Initiative 1970 vom Volk der Schweizer Männer nur mit knapp 54 Prozent der Stimmen abgelehnt. 6 Kantone befürworteten die Initiative gar, darunter auch der Kanton Bern.
  • Die von der Regierung Sri Lankas verfolgten Tamilen erreichten im Laufe der 70er Jahre die Schweiz. Ihnen folgten später Menschen aus Ex-Jugoslawien, aus der Türkei und in den letzten Jahren aus Eritrea, Afghanistan, Somalia, Ländern des Sahel, dem Irak und Syrien. Neben der Suche nach Asyl vor politsicher Verfolgung geht es diesen Menschen darum, sich und ihren Angehörigen das Überleben wirtschaftlich zu sichern. Sie suchen nach der Flucht aus der  Aussichtslosigkeit und dem Elend  hier Arbeit und Einkommen . In dieser Zeit und bis heute hat die Schweiz ihre Migrations- und Asylpolitik massiv verschärft ohne eine ausreichende Antwort auf die Lage dieser Menschen zu finden.
  • Die Bereitschaft, Ausländer*innen aufzunehmen besteht durchaus, denken wir an hochqualifizierte Berufsleute, die unserer Wirtschaft nützlich sind. Und denken wir an den Sport. Wie lassen wir uns von einer Fussballnationalmannschaft begeistern, deren Spieler fast alle einen Migrationshintergrund haben, viele als «secondos».
    Bild aus der Ausstellung HOMO MIGRANS

    Einige sind sogar in einem anderen Land geboren. Für diese ist der Weg zur Aufenthaltsbewilligung und dem roten Pass kein mühseliger.

Die Schweiz hat es wie viele andere Länder bisher nicht geschafft, Menschen, die aus Not und Elend zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen sind, eine menschenwürdige Perspektive zu ermöglichen.

Deportation von rund 150’000 Äthiopierinnen und Äthiopier aus Saudi Arabien, Dezember 2014

Die eigene Migrationsgeschichte zu kennen, davon zu lernen, wie Hunderttausende, welche aus Not aus der Schweiz wegzogen,  anderswo Aufnahme fanden, kann mithelfen, Migration als normalen Teil von Lebensentwürfen und Überlebensstrategien der Menschen zu begreifen. Die Ausstellung HOMO MIGRANS ist dabei sehr hilfreich.

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