«Indiennes» – mehr als kunstvolle Baumwollstoffe

«Indiennes, Stoff für tausend Geschichten» lautet der Titel der Ausstellung im Landesmuseum Zürich zu den bedruckten und bemalten Baumwollstoffen aus Indien.

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Die Ausstellung informiert nicht nur über ihre Herstellung. Sie zeigt auf, wie die ursprünglich indische Kunst im Zuge der Kolonialisierung «europäisiert» wurde. Die mit indischer Baumwolle aufgebauten Textilindustrien Grossbritanniens, Frankreichs und Hollands wurden zu Konkurrentinnen des indischen Kunsthandwerks, mit verheerenden Folgen für die Menschen in Indien.

Dabei spielten nicht nur die ehemaligen Kolonialmächte eine wichtige Rolle. Auch Schweizer Unternehmer mischten erfolgreich mit. Der Handel mit Baumwolle und Baumwollstoffen war während langer Jahre eine gewinnträchtige Domäne schweizerischer Handelshäuser. Als sogenannter Transithandel ausgestaltet, diente der Export indischer Baumwolle der Finanzierung des afroamerikanischen Sklavenhandels. (Siehe auch das Buch von Lea Haller, Hinweis unten)

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Daraus wurden wiederum der Import von Produkten aus Amerika – Kaffee, Zucker, Tabak – finanziert. Indirekt profitierte auch die Textilindustrie in Genf und später im Kanton Glarus und weiteren Gegenden der Schweiz von der kunstvollen Verarbeitung indischer Baumwolle. Und nicht zuletzt beschäftigte die Basler Mission in Südindien zum Christentum bekehrte Inder*innen in ihren Textilfabriken, mit deren Gewinnen die Basler Mission ihr Wirken finanzierte.

Die Baumwolle spielte in der Loslösung Indiens vom britischen Joch eine bedeutende, politische Rolle. Gandhi als Anführer der Unabhängigkeitsbewegung des Indian National Congress rief anfangs des 20. Jahrhunderts zum Boykott des Imports britischer Waren, darunter auch von Baumwollprodukten, auf. Mit dem Handspinngerät mobilisierte Gandhi seine Landsleute für die Bedeutung der eigenständigen indischen Baumwollproduktion. Der Boykott löste eine schwere Krise in der britischen Textilindustrie aus. Die Unnachgiebigkeit Gandhis gegenüber Grossbritannien führte schliesslich 1947 zur Unabhängigkeit Indiens mit der Teilung des Subkontinents. In den vergangenen Jahrzehnten erlebt Indien resp. Südasien ein «revival» seiner Textilindustrie, wobei die Bedingungen der globalen Wirtschaft indische Textilarbeiter*innen mit Tiefstlöhnen und unmenschlichen Arbeitsbedingungen in Armut belassen.

Die Ausstellung im Landesmuseum zeigt die Zusammenhänge zwischen dem Baumwollkunsthandwerk in Indien, dem internationalen, von den Kolonialmächten und auch der Schweiz beherrschten Baumwollhandel und der indischen Geschichte bis zur Unabhängigkeit in eindrücklicher Weise auf. Die Art, wie sich die Kolonialmächte damals die Reichtümer Indiens und das Wissen der Inder*innen aneigneten, leitet die Aufmerksamkeit auf das aktuelle Tun der aufkommenden Supermacht: China. Wie damals die Briten indische Häfen übernahmen, eignet sich heutzutage das «Reich der Mitte» Häfen in Sri Lanka, Pakistan und Griechenland an. Offen bleibt, ob dieser aktuellen Kolonialisierung eine ähnliche politische Geschichte folgen wird wie der britisch-europäischen.

Die Ausstellung macht auf folgende Gegebenheiten aufmerksam:

  • Baumwolle wird in Indien seit über 5000 Jahren kultiviert. Seit mehr als 2000 Jahren kennt Indien Färbe- und Drucktechniken.
  • Im Laufe des 16. Jahrhunderts bringen zuerst portugiesische, später holländische und englische Seefahrer bemalte indische Baumwollstoffe nach Europa.
  • 1600 wird die East India Company gegründet, die britische Handelsgesellschaft. Sie erhält 1668 von den Portugiesen den Hafen von Bombay, dem heutigen Mumbay. 1698 kauft die East India Company Landbesitzrechte in Bengalen als Grundlage für den Aufbau von Kalkutta.
  • Im Laufe des 17. Jahrhunderts entwickelt sich in Europa eine Manufakturindustrie mit indisch-inspirierten «Indiennes». Die ursprünglich indischen Motive werden mit der Zeit – und für den europäischen Markt – europäisiert. Frankreich wehrt sich zuerst mit einer Prohibition gegen diese Industrie, zum Schutz der heimischen Textilindustrie mit Leinen, Wolle und Seide. Diese Prohibition in Frankreich förderte das Entstehen von ersten Indiennes-Manufakturen in Genf um 1690. Eine Exportindustrie entsteht.
  • 1765 überträgt der Mogul Shah Alam II die Steuer- und Verwaltungsrechte über Bengalen und Bihar an die Briten resp. die East India Company. 1770 sterben in Bengalen Millionen Menschen wegen Dürre und rigoroser Steuereintreibung.
  • Ab 1800 kommen billigere, industriell gesponnene Baumwollstoffe aus England nach Indien. Es etabliert sich ein Dreieckshandel. Dabei dienen «Indiennes» als Zahlungsmittel für den Erwerb von Sklav*innen in Afrika, die in der neuen Welt gegen Waren wie Zucker, Tabak und Kaffee für den europäischen Markt verkauft wurden. An diesem Handel waren auch Schweizerische Handelshäuser (Gebrüder Volkart und Christoph Burckhardt) beteiligt. Zwischen 1783 und 1792 beteiligte sich Burckhardt beispielsweise an Sklavenfahrten. Über 7000 Menschen waren Opfer dieses Menschenhandels. (Bild «traité des nègres», s google)
  • 1818 kommt Indien endgültig unter britische Vorherrschaft. Einzelne Provinzen werden von der East India Company direkt verwaltet, in verschiedenen Fürstenstaaten herrscht «the British Raj» indirekt.
  • 1834 etabliert sich die Basler Mission in Südindien. Konvertierte Inder*innen erhalten Arbeit in Webereien der Basler Mission
  • Ab 1851 wird Volkart zum weltweit grössten Baumwollhändler
  • 1857 wird Indien britische Kronkolonie. 1885 wird der Indian National Congress gegründet. 1920/21 werden unter Gandhis Führung englische Waren boykottiert, es beginnt eine Kampagne für lokale, indische Produktion.
  • 1947 erlangt Indien die Unabhängigkeit, mit der Teilung in die beiden Länder Indien und Pakistan. Ostpakistan, das heutige Bangladesh, löst sich 1971 von Pakistan.

 

Buchhinweis

  • Lea Haller, 2019, Transithandel, Geld- und Warenströme im globalen Kapitalismus, edition suhrkamp Band 2731

Links

  • Blog des Nationalmuseums hier
  • La Liberté, 20.4.2018 hier
  • WoZ vom 19.12.2019 Artikel zur Ausstellung im Landesmuseum: «Die Abgründe hinter bunt bedruckten Stoffen“ (kein Zugang ohne Abo)
  • SeniorWeb 26.9.2019 hier
  • Luzerner Zeitung 10.10.2017 hier

 

Ein Gedanke zu „«Indiennes» – mehr als kunstvolle Baumwollstoffe“

  1. Lieber Manuel, liebe Regula
    Danke für die kurze und übersichtliche Zusammenfassung der Historie und eurer Eindrücke. Uns ist durch diese grossartige Ausstellung (die leider gestern ihren letzten Tag hatte) bewusst geworden, welchen Platz das Volkart Handelshaus eingenommen hat … und wie sehr die Kulturstadt Winterthur dank der Volkart-Stiftung ihre Ausstrahlung hat aufbauen können und weiter pflegen kann.
    Als Einwohner von Winterthur bleibt mir beim Besuch von Museen, Konzerten und Events ein zwiespältiges Gefühl. Wir geniessen Kultur auf Kosten anderer, denen wir nur noch in einer Schweigeminute danken können. Und wir können uns die Frage stellen, welche wirtschaftlichen Verbindungen heute noch Gelder auf Kosten anderer in die Schweiz spülen. Nicht nur die chinesischen Häfen, auch die Konzern-Verantwortungs-Initiative lässt grüssen.
    Herzlich. Ernst

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