Gelebte (Klima-) Demokratie

 

Hunderttausend Menschen versammelten sich am vergangenen Samstag in Bern zur Klimademonstration, so viele zählten die Organisatorinnen und Organisatoren. Bern erlebte eine friedliche, farbige und fröhliche Demonstration für eine ernste Sache: das Überleben von Menschen, Tieren und der Natur auf dem Planeten Erde. Dieser Planet ist im wahrsten Sinne des Wortes einmalig. Zu ihm gibt es für uns keine Alternative,
keinen Plan(eten) B, wie es auf Plakaten zu lesen war.

Auf Tausen-den von Kartons und Leintü-
chern teilten die Demon-
strieren-
den ihre Besorgnis und ihre Anliegen mit, klar und deutlich, ohne Wenn und Aber. Ebenso klar und deutlich sprachen die zumeist jungen Leute auf der Bühne.

Es gibt nichts zu deuteln, die Situation ist dramatisch. Für sehr viele Menschen ist sie schon heute bedrohlich.

Weltweit berichten Bäuerinnen und Bauern, dass sie sich kaum mehr auf ihr Wissen um den Beginn oder das Ende von Regen- und Trockenzeiten verlassen können, dass plötzliche und unerwartete Dürre- oder Starkregenperioden ihre Ernten vernichteten. Es sind nicht primär die Temperaturen, die ansteigen oder die Regenmengen, die in gewissen Gebieten geringer werden, welche ihnen Probleme bieten, nein, es sind die völlig veränderten Muster, welche grosse Schwierigkeiten bereiten.

In ihrem neuesten Bericht beschreiben die Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftler des IPCC erneut die Situation und skizzieren die Aussichten einer fortgesetzten Erwärmung der Atmosphäre für das Leben auf der Erde. Klar ist gemäss diesem Bericht, dass menschliche Aktivitäten bereits etwa 1,0 °C globale Erwärmung gegenüber vorindustriellem Niveau verursacht haben, mit einer wahrscheinlichen Bandbreite von 0,8 °C bis 1,2 °C, und dass die globale Erwärmung wahrscheinlich zwischen 2030 und 2052 1,5 °C erreicht, wenn sie mit der aktuellen Geschwindigkeit weiter zunimmt. Soll die Erwärmung unter 2 Prozent gehalten werden, müssen die CO2-Emissionen bereits 2030 um 25 Prozent niedriger sein. Soll gar das 1,5 °C Ziel erreicht werden, müssen die Emissionen zu diesem Zeitpunkt um 45 Prozent tiefer liegen als im Jahre 2010.

«Unendlich» viele Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten, junge Eltern zogen durch die Gassen Berns.

Ihre Zukunft würde ihnen geklaut, rufen auch die Kleinsten laut, sie waren und sind nicht zu überhören.

Auch die älteren Semester waren anwesend …

… und wollen Verantwortung übernehmen! Beeindruckend bleibt die grosse Disziplin. Friedlich und ohne Provokation zu marschieren, dies haben die Organisatorinnen und Organisatoren von den Demonstrierenden gefordert. Offenbar musste die Polizei nur ein einziges Mal einschreiten, als es darum ging, den Umzug zu bremsen, da der Bundesplatz die vielen Leute nicht mehr fassen konnte. Die Sprechchöre mussten darob nicht verstummen, sie ertönten umso lauter in der Spychergasse und auf dem Waisenhausplatz.

Keine Misthaufen und Heugabeln, keine Drohungen vor dem Parlamentsgebäude, keine Petarden waren nötig. Es blieb bei den deutlichen und unmissverständlichen Worten. Zu ernst ist die Sache, zu direkt sind wir alle – die jungen Menschen ganz besonders – betroffen. Zum Abschluss der Kundgebung spielte eine Brass-Band das «heimelige» Lied «Vreneli ab dem Guggisberg mit seinem Hansjoggeli änet dem Berg», ganz im Sinne eines der Mottos «Make Love not CO2». Es war spürbar: Es geht um mehr als um kurzfristigen politischen Gewinn.

Die Worte der klimademonstrierenden Schüler*innen und Student*innen, inspiriert von der jungen Schülerin aus Schweden, werden gehört, die weltweiten Kundgebungen von Millionen von Menschen zeigen ihre Wirkung. Einzig einige prominente Staatschefs können ihre Hilflosigkeit nur mit despektierlichen und peinlichen Lächerlichkeiten überspielen, wie dies vergangene Woche in New York nach dem Auftritt der jungen Schwedin vor den Vereinten Nationen geschah.

Der Ständerat hat vor wenigen Tagen ein wichtiges Zeichen gesetzt und zu Massnahmen ja gesagt, die noch vor wenigen Jahren Hohn und Spott ernteten. Der neu gewählte Nationalrat wird, so erwarten wir, dem ständerätlichen Weg folgen und allenfalls noch griffigere Massnahmen beschliessen.

Die beabsichtigte Benzinpreiserhöhung um «bis zu 12 Rappen» kann allerdings nicht überzeugen, trotz der grossen Klagen. Die 92 Rappen, welche 1974 nach der Erdölkrise für einen Liter (Normal-)Benzin bezahlt werden mussten, haben heute einen mindestens viermal grösseren Wert und im gleichen Zeitraum sind die Einkommen in der Schweiz erst noch um den Faktor 8 gestiegen! Autofahren bleibt, wie das Fliegen, «dräck billig». Dabei ist der Verkehr gemäss dem Bundesamt für Umwelt BAFU für 31.8 Prozent (2017) aller Treibhausgasemissionen in der Schweiz verantwortlich.

Der motorisierte Privatverkehr macht drei Viertel der verkehrsbedingten Emissionen (ohne Flugzeuge) in der Schweiz aus.

Quelle der Daten: Bundesamt für Umwelt BAFU (abgedruckt vom VCS)

«Dekarbonisieren» beim Verkehr ist deshalb das Gebot der Stunde.

Unserem Bundespräsidenten pflichten wir bei, wenn er in New York sagte, der Klimawandel bedrohe unsere Lebensweise, wir müssten das Problem ernst nehmen, unsere Welt bräuchte mehr technologischen Fortschritt sowie Innovationen und die Schweiz hätte beschlossen, bis zum Jahr 2050 Klimaneutralität zu erreichen.
(1) Selbstverständlich, die (technischen) Innovationen sind wichtig und diese mit Unterstützungs- und Förderprogramme zu fördern eine der noblen Aufgaben des Staates. Die Schweiz hat mit ihren schon fast legendären Budgetüberschüssen der vergangenen Jahre von weit über 20 Milliarden Franken die einmalige Gelegenheit, in die umwelttechnologische Innovation zu investieren. Auch für das laufende Jahr sind über 2 Milliarden Budgetüberschuss in der Bundeskasse angesagt. Sogar die rechtsbürgerlichen Parteien sprechen von der Förderung von Start-up Unternehmungen, wie sie ETH-Absolventinnen und Absolventen mit oft grössten persönlichen und finanziellen Risiken gründen . In der parlamentarischen Debatte obsiegen jedoch fast regelmässig die Voten für Sparen und Abbau der bereits rekordverdächtig geringen Staatsschulden. Der Bundespräsident ist gleichzeitig Finanzminister. Er ist gefragt!
(2) Was meint der Bundespräsident damit,wenn er sagt, die Welt bräuchte weniger Ideologie? Meint er die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die unverrückbare Fakten liefern und Szenarien formulieren, was die Konsequenzen des Klimawandels für das Leben auf der Erde sein könnten? Oder richtet er sich an diejenigen, welche mit viel medialer Aufmerksamkeit unablässig und wider besseres Wissen betonten, wie wenig die Schweiz zum Klimawandel beitragen würde? Die Schweiz gehört nicht zum weltweiten Durchschnitt von 6 Tonnen CO2-Ausstoss pro Kopf und Jahr. Laut dem Treibhausgasinventar des BAFU sind zwar die Emissionen im Inland (mit 5,6 Tonnen pro Kopf (davon 4,5 Tonnen CO2) seit 1990 um 12 Prozent gesunken. Wenn wir jedoch die durch Importe verursachten Emissionen hinzurechnen, liegt die Schweiz mit ihrem „Treibhausgas-Fussabdruck“ bei 14 Tonnen pro Kopf im Jahr 2015, auf Rang 3 in Europa.  Quelle: Republik.

Die Schweizerische Politlandschaft hat sich auf „grün“ eingestellt, auch diejenigen Politikerinnen und Politiker, für welche die Farbe „grün“ bisher ein rotes Tuch darstellte. „Grün“ und das Klima wird die anstehenden Wahlen bestimmen, entsprechend lauten die politischen Botschaften. In der Wahlarena des Schweizer Fernsehens mit den (Ko-)Präsident*innen der Jungparteien gab es neben den gewohnten zu Schaum geschlagenen Parolen und dem Bemühen, sich voneinander abzugrenzen, wenig Innovatives zu hören, leider.

Es wird auch nach den Wahlen die Schüler*Innen und die Student*innen – und die älteren Semester, welche die Jungen unterstützen – brauchen, um den Druck auf die Politik und auf die Investor*innen aufrecht zu erhalten. Für den 15. Mai 2020 ist ein Klima-Generalstreik angesagt. Nicht der „Streik“, sondern der damit manifestierte „Druck der Strasse“ oder der „Zivilgesellschaft“ auf die institutionalisierte Politik ist entscheidend, im Sinne einer GELEBTEN DEMOKRATIE.

Übrigens, und in eigener, ganz privaten Sache:
Auch der eben geborene kleine Elia erhielt an der Demonstration eine Stimme! Danke B….. und G…L…!

 

 

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