Die artenvielfältige Schweiz … die gibt es nicht mehr

Reiche Naturerlebnisse

Es ist halb sechs Uhr morgens, draussen wird es langsam hell, die Vögel, Amseln, Finken, wilde Tauben, Stare, Meisen und was im Quartier sonst noch herumfliegt, singen den Tag ein. Wir wohnen in einem Stadtrandquartier, inmitten einer vielfältigen Natur mit blumen- und schneckenreichen Gärten, ab und zu einem Igel oder gar einem Marder. Die zur Quartierstrasse umgewandelte Neubrückstrasse, ehemals Autobahnzubringerin, ist von mächtigen und in der Blütezeit wunderbar riechenden Lindenbäumen umrahmt. Auf meiner Veloroute rund um den Frienisberg, über Land, fahre ich an intensiv bebauten Feldern, reichen Obstgärten und bunten, saftigenWiesen, aber auch an Matten mit weidenden Kühen vorbei, durch angenehm kühle und wohlriechende Wälder mit vielfältigstem Baumbestand. Nicht selten fliegen mir beim Fahren unterschiedlichste Käfer und Insekten ins Gesicht. Bei der letzten Fahrt konnte ich eine Feldlerche beobachten, die wenige Meter über dem Boden an Ort flog bevor sie plötzlich steil nach unten schoss, vermutlich hatte sie einen Wurm am Boden entdeckt.

Wir sind stolz auf die Natur in der Schweiz und wir pflegen sie auch. Waldränder sind gestuft gestaltet, mit Haufen von vermodernden Ästen und ausgeholzten Büschen für die Bodenlebewesen. Fisch- und Bibertreppen in verbauten Bächen und Flüssen, Sitzstangen für Raub- und Greifvögel oder kleinste Büsche als Trittsteine für Hasen und Füchse mitten in den Feldern. An Wochenenden geniessen wir gerne diese Natur, die gleich am Stadtrand beginnt, im Bremgartenwald, jenseits der Autobahn, oder an der Aare oberhalb dem Eichholz. Um dies zu geniessen haben die Gemeinden und Verkehrs- und Verschönerungsvereine Sitzbänke und Feuerstellen eingerichtet. Diese natürliche Schweiz präsentieren wir gerne unseren Gästen, den Touristinnen und Touristen aus fernen Ländern.

Die Bäuerinnen und Bauern erhalten für die Pflege der Landschaft und den ökologischeren Anbau jährlich Hunderte von Millionen Franken an Direktzahlungen und am Samstag am Wochenmarkt oder bei COOP mit seinen Naturaplanprodukten und im Hallerladen um die Ecke sind wir gerne bereit, einen höheren Preis für natürlich produzierte Gemüse und Früchte hinzulegen.

Die Schweiz steht (2018) mit 9 Prozent Biobetrieben (rund 7000 Betriebe, auf über 15 Prozent der Nutzfläche, im Tal fast 10 Prozent, im Berggebiet 25 Prozent) und knapp 10 Prozent Bionahrungsmitteln (13 Prozent mehr als 2017; CHF 360 pro Kopf und Jahr) weltweit gut da.

Doch der Schein trügt

«En matière de biodiversité, la Suisse est une mauvaise élève» sagte der Direktor des Bundesamts für Umwelt (BAFU) in einem Interview mit dem Migros Magazin am 13.5.2019. « Un rapport de l’OCDE en 2017 nous a rappelé ce que nous savions déjà: la Suisse est une mauvaise élève. Aujourd’hui plus du tiers des espèces connues en Suisse – végétales ou animales – sont en danger. 50% des espaces vitaux et des habitats ne sont pas dans un état satisfaisant. »

„Nach dem Klima nun die Biodiversität“ schrieb die NZZ am 6.5.2019. „Forscher aus aller Welt haben am Montag den ersten globalen Bericht über die Biodiversität veröffentlicht. Die Ergebnisse sind alarmierend. Das Artensterben beschleunigt sich, von rund 8 Millionen Arten gelten 0,5 bis 1 Million als gefährdet.“
Bericht des „Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services“ (IPBES)

Das BAFU meldet:
– Fast die Hälfte der Lebensraumtypen sind bedroht
– Ein Drittel der Arten ist bedroht.
– Bei den Kulturpflanzen und Nutztierrassen wurden die Verluste an genetischer Vielfalt gestoppt. Bei vielen wildlebenden Arten geht die genetische Vielfalt weiterhin zurück.

Der „Blick“ listet in einer Dokumentation die Situation für die Tierwelt detailliert auf. Dabei:
– 41 Prozent der 90 beurteilten (von 94 vorkommenden) Arten gelten als gefährdet
-39 Prozent der 199 beurteilten (von 199 vorkommenden) Arten gelten als gefährdet
– 58 Prozent der 55 beurteilten (von 55 vorkommenden) Arten gelten als gefährdet
– 57 Prozent der 1910 beurteilten (von etwa 30000 vorkommenden) Arten gelten als gefährdet

Die Pestizide …

Den Pestiziden kommt beim Schwund der Biodiversität eine grosse Bedeutung zu: Der Direktor des BAFU sagte dazu im erwähnten Interview: « La disparition des insectes pollinisateurs est notamment liée aux produits qu’on utilise.»

Quelle

Die Bauernschaft wehrt sich gegen den Vorwurf, zu viel Gift in die Böden einzutragen aber die Tatsachen – der Zustand unserer Trinkwasserreserven – sprechen eine andere Sprache.

Voraussichtlich im nächsten Jahr stimmen die Schweizer Stimmbürgerinnen und -bürger über zwei Initiativen ab, mit denen der Einsatz dieser synthetischen Pestizide unterbunden werden soll. Der heute auch im Vergleich mit dem Ausland massive Einsatz von chemischen Pflanzenschutz- resp. Schädlingsbekämpfungsmitteln in der Landwirtschaft soll zum Schutz unserer Trinkwasserreserven aber auch der Artenvielfalt reduziert werden.

BioSuisse nimmt dazu Stellung. „(Sie) hat in der Vernehmlassung zusammen mit verschiedenen anderen Akteuren weiter gehende Massnahmen vorgeschlagen, die zu einer nachhaltigen Landwirtschaft mit deutlich weniger Pestiziden führen würden. Dies wäre der schnelle und pragmatische Weg. Falls mit dem Aktionsplan (des Bundes) nicht wesentliche Fortschritte erzielt werden, stellen die Initiativen eine radikale Möglichkeit zur nötigen Weiterentwicklung dar.“

Der Bundesrat empfiehlt beide Initiativen zur Ablehnung. Der Bauernverband – sein Präsident ist übrigens selber ein Biobauer – begrüsst diese Ablehnung. Die Initiativen gingen viel zu weit, die Schweizerische Landwirtschaft würde ohne diese Hilfsmittel nicht überleben, moniert der Verband. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Sichtweise der SVP, von der sich viele Bauern und Bäuerinnen vertreten fühlen. Angesprochen auf die Klimadebatte antworteten Spitzenvertreter der Partei mit dem Hinweis, die Schweizer Bauern wären doch die eigentlichen «Grünen» in der Schweiz, sie seien es, die mit ihrer natürlichen und gesunden Produktion zur Natur Sorge tragen würden.

Nach dem Klimanotstand der Biodiversitätsnotstand

Im erwähnten Artikel folgert die NZZ: „(Es) ist unsicher, ob die fortschreitende Verarmung der Natur die Leute ebenso bewegen wird wie das Klima. Dass es wärmer wird, merken alle. Die Biodiversität hingegen schwindet im Stillen, man spürt es nicht.“

Im Moment demonstrieren die Schülerinnen und Schüler, damit der CO2-Ausstoss radikal und innert kürzester Zeit auf (netto) Null reduziert werde. Siehe dazu unseren Blogpost. Der Klimanotstand müsse ausgerufen werden, fordern sie.

Den Biodiversitätsnotstand müssten wir ebenfalls ausrufen, die Situation ist äusserst bedenklich, in der Schweiz wie weltweit.

Quelle

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