Andersartigkeit

Ein Historiker spricht im Radio über den 30jährigen Krieg

In der Sendung Zeitblende auf SRF 4 vom 19. Mai 2018 stellt am Schluss die Moderatorin die Frage, ob Ähnlichkeiten mit heutigen Kriegen, konkret in Syrien, bestehen wegen der Vermischung von religiösen und politischen Motiven, wegen eines Kriegs um Vormacht, wegen des Rückfalls in die Barbarei wie z.B dem Einsatz von chemischen Waffen?

„Soll man vergleichen, ist es sinnvoll historische mit aktuellen Ereignissen in Beziehung zu setzen?“ fragt die Moderatorin weiter. Der Historiker betont, wir müssten uns im Klaren darüber sein, dass die Unterschiede immer grösser als die Gemeinsamkeiten sind. Er spricht vom Dogma der Unwiederholbarkeit. Dies sei die wichtigste Lehre, die wir aus der Geschichte ziehen könnten, die grundsätzliche Andersartigkeit.

Der 30jährige Krieg war kein Krieg zwischen Staaten, sondern zwischen sich konstituierenden Staaten. Im Laufe des Krieges wurden viele Möglichkeiten ausgetestet. Was wir lernen, ist die Offenheit von Entwicklungsmöglichkeiten, wir lernen, wie anders andersartig fremde Zeiten und Kulturen funktionieren. Wenn wir meinen, in die Köpfe der Menschen des 17. Jahrhunderts schauen zu können, dann ist dies eine Illusion.

Vielleicht sollten wir uns mit ähnlicher Vorsicht internationale Konflikte in anderen Ländern und Regionen ansehen und nicht vorschnell Vergleiche ziehen, vorschnell meinen, dass ein Konzept, das wir als sicher angesehen haben, irgendwo anderswo auch anwendbar ist.

Was mir dazu durch den Kopf geht:

«Bauern sind Vollzeitbauern, Nebenerwerbsbauern sind keine richtigen Bauern mehr, sie müssen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, auswärts für Lohn arbeiten gehen». Dies, verkürzt, eine Sicht auf die schweizerische Landwirtschaft, so wie ich sie in der Schweiz immer wieder vernommen habe und weiterhin vernehme. 500 Millionen Kleinbauernfamilien vorab im globalen Süden gestalten ihr wirtschaftliches Leben vollständig anders: Ackerbau und Viehhaltung ergänzen in den meisten Fällen weitere Verdienst- und Einkommensmöglichkeiten. Sich lediglich auf die Landwirtschaft abzustützen wäre zu riskant und der Bedarf an ein Geldeinkommen – für Schule oder Gesundheit – ist mit anderen Jobs viel besser zu decken. Auch leben Kleinbauernfamilien selten als einzelne Betriebe resp. Haushalte. Sie sind vernetzt mit vielen Verwandten. Die auf dem Betrieb produzierten Lebensmittel, aber auch Geldverdienst wird zwischen diesen Haushalten und Familien geteilt: ein stabiles System zur Sicherung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens.

Die internationale Zusammenarbeit privilegiert weiterhin ein (nord- und mittel-)europäisches Verständnis von bäuerlicher Landwirtschaft, aber auch von handwerklichem Kleinunternehmertum: Investieren in verbesserte Tierzucht oder auch in neue handwerkliche Techniken soll auf dem Betrieb resp. in der Unternehmung zu einem besseren Betriebsergebnis resp. Einkommen führen, das wiederum in den Betrieb oder in die Unternehmung reinvestiert wird. Entsprechend sind auch sogenannte Monitoringsysteme aufgebaut: sie schauen auf die Betriebs- und Unternehmensrechnungen … und müssen dann häufig feststellen, dass ein einmal erzielter Gewinn nicht unbedingt zu einer wirtschaftlichen Verbesserung führt. Ein Entwicklungsfiasko? Falsch eingesetzte Entwicklungsgelder? Oder eben: die Andersartigkeit nicht verstanden?

Einkommen bei einer Familie mit ihren Betrieben resp. Unternehmungen dienen dazu, die wichtigen Bedürfnisse im Netz der verwandten Familien zu decken, auch allenfalls das nötige Kapital für einen handwerklichen Betrieb oder für einen Taxibetrieb zusammen zu bringen. Verloren ist also nichts, nur ist dies in der Komplexität derartiger Austauschsysteme kaum objektiv zu eruieren. Die Andersartigkeit bzw. das fehlende Bewusstsein für diese andere Lebens- und Wirtschaftsweisen verstellt uns den Blick auf die realen Verhältnisse.

Ein Gedanke zu „Andersartigkeit“

  1. A propos Vollzeitbauern … Andersartigkeit auch bei uns.
    Gemäss Statistik gab es in der Schweiz im Jahr 2016 rund 52’000 Landwirtschaftsbetriebe, rund 37’000 Haupterwerbsbetriebe und rund 15’000 Nebenerwerbsbetriebe. Der Begriff Nebenerwerbsbetrieb ist so definiert:
    „Als Nebenerwerbsbetrieb wird ein Betrieb bezeichnet, bei dem der Betriebsleiter weniger als die Hälfte des Gesamteinkommens aus dem landwirtschaftlichen Betrieb generiert.“
    Also zählen als Haupterwerbsbetriebe auch jene, bei denen der Betriebsleiter bis zu 49% seines Einkommens nicht in der Landwirtschaft erzielt; zudem kann dessen Partnerin, wenn berufstätig, den ganzen Lohn ausserhalb der Landwirtschaft verdienen. Dies dürfte bei rund der Hälfte aller Haupterwerbsbetriebe der Fall sein. Und folglich ist der rein landwirtschaftliche Haupterwerbsbetrieb mit Vollzeitbauern eher die Ausnahme als die Regel. Ein genauerer Blick in die Agrarsoziologie der Schweiz lehrt uns, dass die Mehrzahl der landwirtschaftlichen (Familien-) Betriebe auch bei uns schon immer auf Zusatzverdienst ausserhalb der Landwirtschaft angewiesen waren. Und wenn nicht heute noch, so war doch noch vor einer Generation die Verwandtschaftshilfe während der Ernte auf Bauernhöfen gang und gäbe.
    Auch unsere Realität entspricht nur selten den Klischees, die wir uns von ihr machen.
    Mit bestem Gruss
    Ernst

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