Tschad – ein Land weit weg von unserer Aufmerksamkeit

N’Djamena liegt am Chari-Fluss, dem grössten Zufluss in den Tschadsee. Gleich gegenüber der tschadischen Hauptstadt liegt Kousseri, die Grenzstadt Kameruns. Ein reger kleiner Grenzverkehr spielt sich zwischen den beiden Ufern ab, auf schlanken Pirogen, die leicht und meist ohne Motor Menschen und Waren hin und her transportieren.

Bahr führt uns auf eine Stadtrundfahrt kreuz und quer durch N’Djamena. Wir freuen uns,  mit ihm, der uns bereits nach Zakouma begleitet und geführt hat, das Leben in dieser Stadt etwas näher kennenlernen zu dürfen.  Zuerst geht es entlang des Chari-Flusses, wo die Leute am flachen Ufer Gemüse anpflanzen.

Nach der Regenzeit fällt der Wasserstand des Flusses stark und gibt fruchtbares Land frei. Dank der Feuchtigkeit im Boden gedeihen hier Salat und Gemüse gut. Jetzt, mitten in der Trockenzeit, müssen die Pflanzen begossen werden. Morgens und abends sind viele «jardiniers» mit Giessen beschäftigt.
Etwas weiter flussaufwärts, gleich nach den Gärten, passieren wir zwei Fünfsternehotels, das eine von Hilton und das andere von Radisson Blue geführt.

Ein weiteres solches Luxushotel gehört zur Kempinsky-Kette. Den Hotels fehlen jedoch die Gäste. Für solche Einrichtungen fehlt schlicht der Markt, trotz der Erdölfirmen im Lande. Sie wurden mit fragwürdigen Geldern finanziert, auch aus Libyen, so wird gemunkelt. Es seien auch Staatsgelder geflossen, erklärt uns Bahr. Unweit der beiden Hotels stehen hinter hohen und mit Stacheldraht bewehrten Mauern neue, aber nicht bewohnte Luxusvillen, 54 an der Zahl. Diese vom Staat gebauten Häuser waren für die Staats- und Regierungschefs der 54 Länder der Afrikanischen Union vorgesehen, die im vergangenen Jahr für das Halbjahresgipfeltreffen nach N’Djamena reisten. Jetzt stehen die Villen leer. Der Preis sei auch der US-Botschaft, welche sie gerne mieten wollte, zu hoch. Einem weiteren prestigeträchtigen Mahnmal begegnen wir im Westen der Stadt. Die mit internationalen Mitteln gebauten und für Lehrpersonen und Schulinspektoren vorgesehenen Wohnungen werden jetzt von Kadern der Regierung bewohnt.

Die Arroganz der Macht der führenden Kreise wird an diesen Orten sichtbar und möglicherweise lassen die normalen Leute sich dies nicht mehr lange gefallen. Mit Kundgebungen und Generalstreiks reagieren in N’Djamena bereits viele Menschen auf die eben von der Regierung beschlossene Erhöhung des Benzinpreises und die damit verbundenen Abgaben an den Staat.

Ein Liter Treibstoff kostet jetzt bereits mehr als einen Euro. Auf dem Schwarzmarkt, also ohne die Regierungsabgaben, kostet das Benzin nur halb so viel. Die Nähe zu Kamerun, aber auch zum Sudan im Osten des Landes ermöglicht Treibstoffschmuggel in kleinem Umfang. Höhere Benzinpreise führen praktisch unmittelbar zu höheren Preisen für Nahrungsmittel und sonstige Güter des täglichen Bedarfs. Dies trifft alle, nicht nur die steigende Zahl der Motorradfahrer*innen. Kundgebungen und Streiks vermag der Sicherheitsapparat der Regierung zu unterbinden, aber den Unmut der Leute nicht.

Die Motorisierung hat auch den Tschad erfasst, besonders mit den Motorrädern, die allen möglichen Transporten dienen. Es sind nicht nur die Städter*innen, auch Hirten folgen ihren Herden mit Motorrädern oder liefern landwirtschaftliche Produkte nun rascher in nahe Dörfer und Städte. In den Strassen erleben wir halsbrecherische Fahrer, die sich oft ohne Helm und Licht zwischen den Autos durchschlängeln. Als Taxis auf zwei Rädern und Kleintransporter sind sie aus dem täglichen Leben kaum mehr wegzudenken. Auf unserer Fahrt zu den «rochers des élephants» begegnen wir solchen zweirädrigen Lastfahrern. Dies ist möglich dank der geteerten Strasse. So finden «moderne» Güter ihren Weg aufs Land, in abgelegene Dörfer, und landwirtschaftliche Produkte können auf einfachere Art und Weise Konsument*innen in der Stadt erreichen, informell, ein nicht unwichtiger Wirtschaftszweig auch im Tschad.

Seit Jahrzehnten und ohne Unterbruch nach der Unabhängigkeit des Landes bleibt die französische Armee in N’Djamena stationiert. «Les légionaires» gehören zum Stadtbild. Die Militärbasis liegt gleich gegenüber des zivilen Flughafens. Regelmässig donnern nach dem Einnachten die französischen Militärjets über die Stadt. Von hier aus fliegt Frankreich seine Einsätze, in jüngerer Zeit nach Mali und in die zentralafrikanische Republik. Der Tschad resp. sein Territorium gehört zum militärischen Dispositiv Frankreichs und seit einigen Jahren auch der USA, die ebenfalls mit eigenem Personal vor Ort vertreten sind. Der Tschad hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine starke Armee und Sicherheitskräfte gegeben, …

… die Öleinkünfte dürften dies ermöglicht haben. Im Rahmen afrikanischer Einsätze in Mali zum Beispiel ist die tschadische Armee eine wichtige Stütze. In den letzten Jahren wird der Tschad auf internationaler Bühne auch im Zusammenhang mit den Tausenden von Migrant*innen wichtig, die durch das Land den Weg zum Mittelmeer und nach Europa suchen. Europas Aussengrenzen werden in den Sahel verlegt, der Tschad ist wie der Niger Teil dieses Dispositivs geworden. Die Armut im Tschad – das Land bleibt auf der UN-Skala der menschlichen Entwicklung, Gesundheit, Ernährung und Bildung weiterhin auf einem der letzten Plätze – «konkurriert» auf der internationalen Bühne mit der Sicherheit, nicht der eigenen, sondern derjenigen Europas und des Westens.

«Rien n’a changé» stellt die französiche Grossmutter auf unserer Reise nach Zakouma lakonisch fest und ich stimme zu, wenn ich an die Lebensverhältnisse der «tchadiennes et tchadiens» denke. Ich erinnere mich gut an meine ersten Reisen in den Tschad vor knapp dreissig Jahren. Sicher, die Strassen waren damals mit einer einzigen Ausnahme noch nicht geteert, Erdöl wurde noch keines gefördert und in der Stadt fehlten Villen, Supermärkte und Hochhäuser.

Das Leben in den ärmeren Quartieren und auf dem Land und die Güter auf den lokalen Märkten bleiben jedoch unverändert. Weiterhin müssen die Leute mit Nahrungsmittelengpässen oder gar Hunger rechnen, wegen Dürrejahren und fehlenden Antworten der Regierung.

Der Tschad, früher einmal Frankreich zu ökonomischem Nutzen, ist im Spiel um die globale Sicherheit resp. die Sicherheit Europas zu einer wichtigen Schachfigur geworden. Sein Reichtum, das Erdöl, dient bereits seit den Neunzigerjahren viel eher dem Aufbau einer starken Armee als zur Ausbildung und Entlöhnung der Lehrer*innen, Hebammen, Ärzt*innen, der Land- und Viehwirtschaft oder der dringenden Verbesserung der Versorgung mit Wasser, Strom  und Treibstoff.

Beeindruckt sind wir von der Kraft der Leute, ihr Leben trotzdem zu sichern und Perspektiven zu finden, trotz einer sich masslos bereichernden Führungsclique und einer weitgehend fehlenden oder wenig fähigen staatlichen Verwaltung. Es geht den «tchadiennes und tchadiens» wie so vielen Leuten Afrikas: Aussicht auf ein besseres Leben besteht nur für wenige, vielen bleibt um einer sichereren Zukunft willen nur die Migration   in die grossen Metropolen an der westafrikanischen Küste oder in Richtung Europa.

Vor Ort zu Verbesserungen beitragen ist das Eine, Verdienstmöglichkeiten ausserhalb zu schaffen das Zweite. Das Dritte würde bedeuten, dass sich die Unternehmen, welche vom Reichtum Afrikas leben – Erdöl, Gold, Mineralien – mit ihren oft unverschämten Gewinnen am Aufbau in den Ländern beteiligen!

Zur Verbesserung des Lebens im fernen Tschad können wir auch hier in der Schweiz beitragen, demnächst zum Beispiel mit der Konzern-verantwortungsinitiative oder damit, Gelder aus dem afrikanischen Kontinent zurückzuweisen!

 

 

 

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