Äthiopische Textilarbeiterinnen nähen billigste Kleider zu tiefsten Löhnen

In der ZEIT 52/2017 wird die Geschichte einer äthiopischen Näherin aus Hawassa erzählt. Sie ist 18 Jahre alt und näht Hosensäume für H&M, stundenlang, bis zu 300 Säume pro Schicht. Sie teilt sich mit zwei Frauen ein kleines Zimmer. Die drei schlafen auf einer gemeinsamen Matratze. Ihre wenigen Utensilien versorgen sie in Plastiksäcken und ihre Kleider hängen sie über eine Wäscheleine quer durchs Zimmer. Das Tuch vor dem Fenster soll die Nachtkälte abhalten. Im Hof kochen sie auf einer Feuerstelle und neben dem kleinen Haus können sie sich waschen.

Die Frauen arbeiten bei einer indisch-chinesischen Textilfirma für gut 1000 Birr im Monat, umgerechnet 37.50 Franken, für acht Arbeitsstunden pro Tag, montags bis samstags, im Schichtbetrieb und ohne Ferientage. Ein Fünftel des Lohns geht für die Zimmermiete weg. Der Rest muss für das spärliche Essen reichen. Die Hosen, die sie nähen, kosten in den Läden Europas oder Amerikas mit rund 18 Franken praktisch soviel wie sie in einem  halben Monat verdienen! Die Näherinnen der Hosensäume erhalten von diesem Preis etwas mehr als einen Rappen! Es ist ihr Wunsch, einmal eine ganze Hose nähen zu können und sie sind froh, diesen Job zu haben, denn dort, wo sie herkommen, ist das Leben noch schwieriger, so ihr Bericht. 

Der Betriebsleiter stammt aus Südasien. Als er jung war, verlagerten Textilunternehmen ihre Fabriken nach Südasien, der geringen Löhne für die Näherinnen wegen. Als auch dort die Löhne anstiegen – heute betragen die Monatslöhne in Bangladesh oder Kambodscha zwischen 100 und 150 Franken – zogen die Firmen weiter, jetzt eben auch nach Äthiopien. Unter den Betriebsleitern in Hawassa ist kein einziger Äthiopier. Sie stammen aus China, Indien, der Türkei und Amerika. Dereinst sollen im Werk in Hawassa 15000 Näherinnen arbeiten, trotz grösserer Produktion unter dem gleichen Druck von Preisen, Umsatzzielen und Renditeanforderungen, so der Betriebsleiter. Höhere Löhne um mehr zu produzieren seien nicht vorgesehen. Die Firma spreche sich mit der Regierung ab. In einem anderen Land würden Gewerkschaften höhere Löhne erstreiten, in Äthiopien bestimme jedoch die Regierung, und diese wolle nicht, dass die Löhne steigen, sagt der Betriebsleiter im Bericht.  

Äthiopien als China Afrikas, dies ist die Vision der äthiopischen Textilindustrie. Die Textilindustrie sei der Schlüssel zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes, sie biete Arbeit für die breite Masse, sagt ein äthiopischer Funktionär  im Zeitungsbericht. Die Arbeitskräfte seien der grösste Standortvorteil Äthiopiens. Alle, die arbeiten könnten, konkurrierten um Jobs, böten ihre Arbeitskraft entsprechend für wenig Geld an. Die Regierung sei sehr stabil und tue alles, um die äthiopische Industrie zu stärken, mit neuen Ausbildungseinrichtungen und Gesundheitsstationen. Auch biete die neue Eisenbahnverbindung nach Djibouti den Zugang zum Meer, wo Stoffe, Fäden, Knöpfe und Reissverschlüsse herkommen.

Die Arbeitsbedingungen sind hart. Wer viermal zu spät zur Arbeit kommt, verliert den Job. Für jeden Krankheitstag werden 135 Birr vom Lohn abgezogen, bei einem Tagesverdienst von 35 Birr. Mit einem ärztlichen Attest entfällt dieser Abzug, dafür kostet aber die Spitalaufnahme bereits 100 Birr, noch ohne die Kosten für die Medikamente mitgerechnet zu haben. Die Produktion darf auf keinen Fall aufgehalten werden, so berichtet die Näherin. Trotzdem ist sie froh um die Arbeit in der Textilfabrik. Sie komme vom Land, ihre Familie baue Mais, Bohnen, Ensetbananen und Kaffee an, gerade genug um die elfköpfige Familie zu ernähren. Im Dorf bleiben wolle sie um keinen Preis. Im Schulalter verheiratet zu werden und Kinder kriegen, dies sei nicht, was sie sich vom Leben vorstelle. Einen höheren Lohn hätte sie gerne. Eigenes Geld verdienen zu können, ihre Tage und ihr Leben selbst zu gestalten sei ihr jedoch ebenso wichtig. Und sie habe Pläne. Kolleginnen zeigten ihr, wie man ganze Hosen näht, so möchte sie dereinst selber ein kleines Nähatelier eröffnen, mit einem Stuhl, einem Tisch und einer eigenen Nähmaschine, ohne Vorarbeiter, die sie schikanierten, ihr eigener Chef sein. So endet der Bericht in der ZEIT.

Die Logik der globalen Wirtschaft – des globalen Kapitalismus – hat Äthiopien erreicht. Tausende von Näherinnen, Baumwoll- und Blumenpflückerinnen arbeiten danach. Das Land resp. seine Führung verspricht sich von der Öffnung für internationale Unternehmungen den längerfristigen wirtschaftlichen Aufschwung. Kurzfristig erwartet die Regierung aus dem Export der Textilien (und Blumen) die Deviseneinnahmen, welche der Export von Kaffee wegen praktisch halbierter Weltmarkpreise nicht mehr zu leisten vermag. Unklar bleibt in diesem Zusammenhang, warum den Firmen die Steuern über mehrere Jahre erlassen werden und weshalb die Bodenzinsen und Abgaben für geschürftes Gold und den Abbau anderer mineralischer Rohstoffe nicht höher sind.

Die äthiopischen Arbeiterinnen – vorwiegend Frauen – resp. ihre tiefen Löhne sollen’s offenbar richten. Ihr Leben am Rand des Existenzminimums, oder gar darunter, soll die äthiopische Wirtschaft «dynamisieren», während  sie gleichzeitig den Konsumentinnen und Konsumenten auf der anderen Seite der Weltkugel Textilkäufe praktisch zum Nulltarif ermöglichen. Es fehlen die Hinweise, dass eine derartige Öffnung der Wirtschaft und der Märkte für Investitionen den Lebensstandard der Menschen in Äthiopien und anderen wirtschaftlich armen Ländern verbessern. Das Gegenteil findet statt: Die – wie das Beispiel zeigt – mageren Einkünfte erlauben weder den Menschen noch den Ländern sich wirtschaftliche zu stärken. Ohne eine spürbare Verbesserung der Lebensverhältnisse, mit höheren Löhnen und den Möglichkeiten, selber zu investieren und zu konsumieren, wie es sich die Näherin wünscht, wird die Rechnung der äthiopischen Führung jedoch nicht aufgehen. Sie muss ein Interesse daran haben, dass die Löhne über dem Existenzminimum liegen und dass die Gewinne, die aus diesem «Business» entstehen, im Land neue, bessere und qualifiziertere Arbeit schaffen. Nur so können sich die Investitionen in eine bessere Infrastruktur und Berufsbildung auch positiv für das Land und die Äthiopierinnen und Äthiopier auswirken.

Der Näherin möchten wir es wünschen, dass sie dereinst selber ein Atelier führen und sich und ihre Familie ausreichend versorgen kann. Ihren Töchtern und Söhnen möchten wir wünschen, dass sie mit einer guten beruflichen Ausbildung mehr als das Existenzminimum verdienen und sich ein würdevolles Leben aufbauen können.

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