Europa will mit Afrika nicht mehr über Entwicklung sprechen

Eben geht die zweitägige Sitzung des Verwaltungsrats von AfricaSeeds zu Ende. Diese Organisation mit Sitz in Abidjan ist  von der Afrikanischen Union beauftragt, das Afrikanische Biotechnologie- und Saatgutprogramms umzusetzen.
Am selben Tag treffen sich, ebenfalls in der Hauptstadt von Cote d’Ivoire, 84 Regierungsdelegationen zum Gipfel der Europäischen und der Afrikanischen Union.
Damit ich allfälligen Strassensperren wegen des AU-EU Gipfels zuvorkommen kann,  treffe ich früh auf dem Flugplatz zur Rückreise nach Paris ein.
In der Transithalle treffe ich unerwarteterweise auf meine Kollegin von der AU. Sie ist die stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungsrats von AfricaSeeds und wir haben die beiden Tage gemeinsam an der Sitzung verbracht. Sie musste bereits kurz nach dem Mittag zur Weiterreise nach Nigeria aufgebrechen. Ihr Flug nach Abuja verzögert sich jedoch um Stunden. Sie ist verärgert, dass ihr niemand von der Fluggesellschaft genauere Auskünfte über den Abflug geben kann.

Eben hat sie einen Kollegen getroffen, der am Gipfeltreffen teilgenommen hat. Frustriert ist auch er. Die EU habe den Gipfel auf die beiden Themen Sicherheit und Migration konzentriert. Fragen zur Ausbildung, Gesundheit, Infrastrukturausbau, Wasserversorgung und zur Entwicklung, auf die sich die afrikanische Seite vorbereitet hatte, wurden ausgeklammert.

Die EU will und kann zwar keine Mauern gegen die Migrantinnen und Migranten bauen, sie will sie aber möglichst weit weg von ihren Grenzen von der Weiterreise abhalten. Gewiss, die Reise durch die Sahara und über das Meer ist lebensgefährlich.  Europa will nicht länger zusehen, wie Leute, die zumeist aus wirtschaftlicher Not – und nicht wegen politischer Verfolgung – den Weg nach Europa suchen, von Menschenhändlern und anderen Kriminellen in Libyen erpresst werden und auf einer lebensgefährlichen Bootsfahrt ihr Leben aufs Spiel setzen. Europa verlagert seine Aussengrenzen in den Sahel und finanziert zur eigenen Sicherheit Grenzwächter im Tschad und Niger und organisiert Rücktransporte von dort aus. Humanitär ist dies gewiss, aber wie der Stadtpräsident von Agadez kürzlich im Schweizer Radio gesagt hat: Wir haben andere Bedürfnisse als die Grenze für Europa zu sichern. Wir benötigen Schul- und Berufsbildung, Wasserversorgung und ein besseres Gesundheitssystem. Dafür jedoch hat Europa keine Ohren (mehr).

Es war genau dieses Europa, das triumphierte, als der Führer Libyens ausser Gefecht gesetzt wurde. Der Sturz des Regimes von Ghaddafi hat letztlich zum totalen Chaos in diesem Land und im ganzen Sahel geführt. Darunter leiden heute auch die Migrantinnen und Migranten.
Bisher waren es ausschliesslich afrikanische Stimmen, welche die Aktion der westlichen Mächte gegen Ghaddafi kritisierten. Sie betrachteten Ghaddafi als wichtigen Panafrikanisten und ohnehin habe der UN-Sicherheitsrat den Regimesturz nie erlaubt. Eben lese ich in der deutschen Wochenzeitung «Zeit» (Nr. 51.2017) «Mit den Jahren zeigt sich immer deutlicher, wie fatal die Entscheidung war, den libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi 2011 zu stürzen ohne den geringsten Plan für seine Nachfolge zu haben.»

Europa ist offenbar auch weiterhin nicht in der Lage, mit Afrika partnerschaftlich umzugehen und auf afrikanische Stimmen zu hören. Durchsetzen eigener, oft kurzfristiger und kurzsichtiger Interessen wird längerfristig kaum die angestrebte Sicherheit gewährleisten. Eine wirtschaftlich weiterhin äusserst benachteiligte Bevölkerung Afrikas kann nicht im Interesse Europas sein und die Grenzen zu bewachen ist auch keine nachhaltige Lösung. Europa muss mit Afrika über Entwicklung reden, im Interesse beider Seiten.

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